Das ist nicht die ganze Wahrheit – Ein Interview

Fra­ge: Herr Kambor-Wiesenberg, vor weni­gen Tagen haben Sie ein neu­es Werk ver­öf­fent­licht, was Sie selbst als Mei­len­stein, sehr selbst­re­fle­xiv und extrem gelun­gen bezeich­net haben. War­um ver­mit­teln Sie dann mit dem Titel, dass es offen­sicht­lich man­gel­haft ist?

Ant­wort: Das Bild heißt: „Das ist nicht die gan­ze Wahr­heit.“, weil ich die gan­ze Wahr­heit nicht ken­ne, aber fin­de, dass das Bild ziem­lich nah dran ist.

Fra­ge: War­um ist es ein Mei­len­stein?

Ant­wort: Der künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zess eines Men­schen1 ver­än­dert sich mit sei­ner Arbeit. Man lernt dazu, lernt neue Tech­ni­ken, lernt etwas über sei­ne Umge­bung und sich selbst. Künst­ler oder Krea­ti­vi­tät aus­le­ben­de Men­schen wer­den das mög­li­cher­wei­se bes­ser ver­ste­hen als ande­re. Es gibt Momen­te, da machst Du etwas unter­be­wusst oder Du machst etwas unter­be­wusst anders. Dann schaust Du Dir das an und denkst: aha das hast Du also gera­de gemacht. Dass passt aber wie die Faust aufs Auge.
Ich habe etwas gemacht, ohne über jeden Schritt nach­zu­den­ken, ohne zu tes­ten, ohne zu wis­sen was das Resul­tat mei­nes Han­delns ist. Fra­gen wie: Was machst Du da gera­de? oder Was soll das wer­den? Wür­den an die­ser Stel­le ohne Ant­wort blei­ben. Vor­her hät­te ich nicht sagen kön­nen, dass es so wird und auch wäh­rend des Pro­zes­ses hät­te ich nicht sagen kön­nen wie das Ergeb­nis aus­sieht. Am Ende jedoch konn­te ich klar sagen, dass die­se Arbeit intui­tiv rich­tig ist. Die­se Tie­fe der Erkennt­nis hat­te ich bis­her nicht. Aus die­sem Grund ist die­se Arbeit für mich ein Mei­len­stein im künst­le­ri­schen Werk­pro­zess. Ich kann nicht beur­tei­len, ob ande­re Men­schen das auch sehen kön­nen.

Fra­ge: Was sehen wir auf dem Bild?

Ant­wort: Zen­tra­ler Bestand­teil ist ein aktu­el­les Por­trait was mei­ne gute Freun­din San­dra auf einer Par­ty von mir gemacht hat, als ich mei­ne Kame­ra für einen Moment aus der Hand gelegt hat­te. Das Bild gefällt mir, weil der Gesichts­aus­druck so ambi­va­lent ist. Die Basis­emo­tio­nen Freu­de, Über­ra­schung, Angst und Trau­rig­keit kann ich da pro­blem­los hin­ein­in­ter­pre­tie­ren. Nor­ma­ler­wei­se braucht man dafür vier Fotos.
Der Hin­ter­grund ist eine Frot­ta­ge, eine alte Druck­tech­nik die das Bild auf­teilt. In den obe­ren Teil, die „Gedanken- oder Phan­ta­sie­welt“ und den unte­ren Teil, die „Rea­li­tät“. Die Gren­ze ver­läuft flie­ßend am obe­ren Kopf­teil. Wäh­rend die Rea­li­tät mit chao­ti­schen Lini­en durch­zo­gen ist, zieht die Gedan­ken­welt gera­de fast par­al­le­le Lini­en nach oben, die das Feh­len von Gra­vi­ta­ti­on und eine gewis­se Leich­tig­keit sug­ge­rie­ren. Die Gra­vi­ta­ti­on ist eine der vier Grund­kräf­te der Phy­sik, die sym­bo­lisch auch in die­sem Bild auf­tau­chen, aller­dings fürch­te ich um die Leser, wenn ich anfan­ge über die fun­da­men­ta­len Wech­sel­wir­kun­gen zu spre­chen. Wir las­sen das The­ma bes­ser aus, um nicht schon vor der Kern­aus­sa­ge aus­zu­fran­sen.
Im Rea­li­täts­teil gibt es aus Lego­stei­nen gesetz­te Gebil­de. Sie ste­hen als Meta­pher für die Regeln der Rea­li­tät. Du hast zwar in Form und Far­be unter­schied­li­che Stein­chen zur Ver­fü­gung, kannst Dich aber trotz­dem nur in einem defi­nier­ten Rah­men ent­fal­ten. Sei krea­tiv, aber bit­te nicht zu sehr. Du darfst in der Rea­li­tät nur die Stein­chen benut­zen um Dei­nen Weg zu gehen, Dein Ziel zu errei­chen. Fan­ge nicht an die Stein­chen anders als vor­ge­se­hen zu benut­zen und fin­de auch nichts ande­res, dass die Stein­chen ersetzt oder erset­zen könn­te. Uni­for­mi­tät trotz Krea­ti­vi­tät oder posi­tiv aus­ge­drückt: Krea­ti­vi­tät trotz Uni­for­mi­tät. Das Zif­fern­blatt einer Rolex ver­stärkt die Aus­sa­ge, denn ver­meint­lich ist die Mar­ken­uhr total indi­vi­du­ell, aber genau betrach­tet ist sie das Gegen­teil. Eine Uni­form für eine ganz spe­zi­fi­sche Sor­te Mensch. Ohne Wer­tung.
Die Uhr an sich, ist auch eine alte Meta­pher. Du sollst kei­ne Zeit ver­lie­ren, die Zeit läuft (ab), Dein Leben ist end­lich und so wei­ter. Viel inter­es­san­ter ist die Tat­sa­che, dass die Uhr ganz klar im unte­ren „Real­teil“ ist und auf einem Sockel aus den oben genann­ten Lego­stei­nen steht, der zu kip­pen droht. Ach­tung Meta­pher: Etwas auf einen Sockel stel­len ist gleich mehr Wich­tig­keit. Wenn der Sockel kippt, erzeugt die Uhr dann ein „BÄM“ in der Phan­ta­sie­welt beim Auf­schlag oder ist es eher ein „BÄM“ was für den Erkennt­nis­ge­winn steht? Sozu­sa­gen, weil der Sockel aus „Lego-Regelsteinchen“ mit der Uhr kip­pen muss oder soll­te.

Fra­ge: Was macht die Frau da?

Ant­wort: War­um die mit Mar­ken­pumps und pas­sen­der Clutch uni­for­mier­te Dame ein Loch in die Stei­ne tritt sagt etwas über mein Ver­hält­nis zu Frau­en aus. Frau­en sind und waren in mei­nem Leben immer wich­ti­ger als Män­ner. Ich bin fast aus­schließ­lich von, durch und mit Frau­en auf­ge­wach­sen. Ich wur­de von Frau­en erzo­gen. Ich habe deut­lich mehr Freun­din­nen als Freun­de und behaup­te auch im Schnitt bes­ser mit Frau­en als mit Män­nern klar­zu­kom­men. Von Män­nern wur­de, wer­de und bin ich im Wesent­li­chen ent­täuscht. In mei­ner Welt sind Frau­en die bes­se­ren Men­schen. Das ist sexis­tisch, aber ich ste­he dazu. Zurück zum Bild. Die Dame tritt die Wand aus Regeln ver­kör­pern­den Lego­stei­nen ein. Das hat eine befrei­en­de Sym­bo­lik und zugleich etwas Anschie­ben­des, Moti­vie­ren­des. Mög­li­cher­wei­se leh­ne ich an der Wand aus Regeln, weil es gera­de bequem ist und die­se Wand muss zer­stört wer­den, um wie­der in Bewe­gung zu kom­men. Viel­leicht ist das auch erst die Vor­be­rei­tung für die Din­ge die da kom­men. Sie will durch die Wand, um sich auf mein Gesicht zu set­zen und zu schrei­en: „Leck mei­ne Pus­sy Süßer!“ oder sie wirft die Uhr vom Sockel, um ihn sich in den Po zu ste­cken. Genaue­res weiß Dr. Freud.

Fra­ge: Trotz frei­em Geist, sind die „Regel­klötz­chen“ auch in Ihrem Kopf. Mei­nen Sie damit, dass wir alle Regeln im Kopf haben müs­sen, um in der Rea­li­tät zu bestehen?

Ant­wort:  Klar. Ein Sym­bol für das Ange­passt sein. Das jeman­dem vor­wer­fen ist leicht. Ich fin­de es super, dass ich das hier bei mir selbst machen kann. Ich bin ja ein Para­de­bei­spiel für den ange­pass­ten Voll­arsch. Ich belü­ge mich prak­tisch täg­lich. Ich arbei­te mit Per­so­nen zusam­men die ich zutiefst ver­ab­scheue, ich ver­die­ne Geld mit Tätig­kei­ten die nicht mei­nen gro­ßen Zie­len die­nen und die mir kei­nen Spaß machen. Ich recht­fer­ti­ge die­ses Ver­hal­ten damit, dass ich ja sonst die Mie­te für mein Ate­lier nicht bezah­len könn­te und dann könn­te ich kei­ne Kunst machen oder nur Kunst die von mei­nen Auf­trag­ge­bern dik­tiert wird. Das ist einer mei­ner ewi­gen inne­ren Kon­flik­te. Freie Kunst zu machen ohne von irgend­ei­ner Instanz abhän­gig zu sein ist ein Zustand, der hart erkämpft wer­den muss. Ich habe die­sen Zustand erreicht. Ich kann künst­le­risch machen was ich will, aber nur, weil das Geld dafür aus einer ganz ande­ren Ecke kommt. In einem ande­ren Leben muss ich mich „Pro­sti­tu­ie­ren“ und es aus­hal­ten, Spiel­ball von Gesell­schaft, Poli­tik und Kon­ven­tio­nen zu sein, um in mei­nem Künst­ler­le­ben frei zu blei­ben. Kunst ist der Spie­gel der Gesell­schaft. Mal ange­nom­men, es kommt monat­lich Geld vom Him­mel gefal­len und ich muss mich nicht mehr in der Geld­ver­di­en­ma­schi­ne­rie zer­rei­ben. Wes­sen Spie­gel bin ich und was reflek­tie­re ich dann? Wer­de ich dann zum Selbst­zweck, zum Kunst­ver­ein Kambor-Wiesenberg? Ich pro­du­zie­re mei­ne eige­ne Kunst, die ich dann für mich selbst aus­stel­le? Viel­leicht ist mei­ne momen­ta­ne Situa­ti­on aus Sicht des künst­le­ri­schen Frei­heits­as­pekts schon das Opti­mum? Die Klötz­chen im Kopf spie­len jeden­falls eine wich­ti­ge Rol­le.

Fra­ge: Was ist ihnen noch wich­tig?

Ant­wort: Im Teil der Gedan­ken­welt tum­meln sich Bäl­le aus dem Bäl­le­bad, die sich farb­lich zwar an den Stei­nen aus der Rea­li­tät ori­en­tie­ren, aber frei im Raum her­um­dif­fun­die­ren und das ist der Unter­schied. Wäh­rend in der Rea­li­tät das Zusam­men­ste­cken vor­de­fi­nier­ter Gebil­de qua­si ver­pflich­tend ist, weil man das eben­so macht, so ist es in der Gedan­ken­welt über­haupt nicht mög­lich. Ein tol­ler Gegen­satz. Manch­mal kön­nen Ein­schrän­kun­gen befrei­end sein und manch­mal ist abso­lu­te Frei­heit beschrän­kend.

Fra­ge: Ein­gangs erwähn­ten Sie, dass die Ent­ste­hung des Bil­des beson­ders war. Was ist so beson­ders an der Ent­ste­hung des Bil­des gewe­sen?

Ant­wort: Der Schaf­fens­pro­zess stand im kom­plet­ten Gegen­satz zu mei­ner sons­ti­gen Arbeit. Wenn ich z.B. ein IT-System pla­ne, wird von mir erwar­tet, dass ich mög­lichst genau sagen kann, wie es am Ende wird und wie es sich in bestimm­ten Situa­tio­nen ver­hält. Bei dem Bild war das nicht so. Das The­ma war ursprüng­lich „Hirn­ge­spinst“ und die gro­be Idee nimm ein Por­trait und mach eine lus­ti­ge Fri­sur. Ich habe ange­fan­gen und dann hat sich das Bild so ent­wi­ckelt. Das bestä­tigt auch, was ich den Leu­ten immer pre­di­ge. Mach irgend­et­was was unge­fähr mit dem zu tun hat, was Du errei­chen willst. Suche die Rich­tung und geh los. Wich­tig ist, dass Du los­gehst und nicht ste­hen bleibst bevor Du meinst, dass Du fer­tig bist oder ent­schie­den hast abzu­bre­chen.

Fra­ge: Kann man das Bild in nächs­ter Zeit im Ori­gi­nal irgend­wo sehen?

Ant­wort: Ja. Am 13. Juli 2015 wird die Grup­pen­aus­stel­lung „Gegen­sät­ze” in Stutt­gart eröff­net, bei der vier oder fünf Stu­di­en­kol­le­gen und ich aktu­el­le Wer­ke zu die­sem The­ma prä­sen­tie­ren. Da wird „Das ist nicht die gan­ze Wahr­heit” auf jeden Fall zu sehen sein. Ansons­ten auch bei mir im Ate­lier, solan­ge es nicht ver­kauft ist oder geklaut wur­de (zwin­kert).

Fra­ge: Wur­de denn schon ein­mal eines Ihrer Wer­ke gestoh­len?

Ant­wort: In der Tat. Im letz­ten Monat wur­de das Werk: „Das muss­te mal raus. (Krit­zel­bild 03/2015)„2,3  aus halb­öf­fent­li­chen Räu­men in Stutt­gart ent­wen­det. Viel kann ich dazu nicht sagen, da Ermitt­lun­gen lau­fen. Ich inter­pre­tie­re das aber als gro­ßes Kom­pli­ment. (Nach­trag 23.04.2015: Das Bild wur­de inzwi­schen anonym zurück gege­ben.)

Fra­ge: Haben Sie noch wei­te­re Anmer­kun­gen zum Bild: Das ist nicht die gan­ze Wahr­heit?

Ant­wort: Es gibt Details, die man noch wei­ter aus­füh­ren könn­te. Ist der Bal­ken auf dem Kopf ein Phal­lus­sym­bol? Es sieht aber auch aus wie ein Bauhaus-Männchen. Die Hüte. Das Krön­chen. Die roten Sprit­zer. Aber es soll aber auch noch Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum übrig blei­ben.

Fra­ge: Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum ist der Titel eines Bil­des von Ihnen aus dem Jahr 2011.

Ant­wort: Ja, aber das ist ein ande­res Kapi­tel.

  1. Mensch ist an die­ser Stel­le bewusst gewählt, denn ganz im beuys­schen Sin­ne ist jeder Mensch ein Künst­ler. []
  2. Twit­ter: https://twitter.com/stkw_/… []
  3. Fli­kr: https://www.flickr.com/… & https://www.flickr.com/… []
Posted in Assemblage, Collage, Druck, Fotografie, Malerei
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11 comments on “Das ist nicht die ganze Wahrheit – Ein Interview
  1. Paul Kordell says:

    via face­book: ein infor­ma­ti­ves inter­view, dan­ke

  2. via face­book: selbst­re­fle­xiv! das klingt wie aus der wer­bung eines fitness-studios :D

  3. aha! hab mich auch schon gewun­dert…

  4. via face­book: mei­ne refle­xe sind auch nicht mehr das, was sie ein­mal waren ;)

  5. via face­book: ok, das macht jetzt natür­lich sinn

  6. via face­book: das inter­view ist echt lesens­wert, cool

  7. Joseph Mann says:

    via face­book: du machst das genau rich­tig, ste­phan. wei­ter so!

  8. via face­book: Das ist nichts als die Wahr­heit, die gan­ze Wahr­heit…

  9. Sandra says:

    Cool wie aus dem Schnapp­schuss ein Kunst­werk gewor­den ist. Mehr davon!

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