Eröffnungsrede — Krake Kapital

Wenn man von Han­no­ver über Wolfs­burg nach Nord-Osten durch Salz­we­del fährt und dann die Elbe über­quert, ist man an in einem der am dünns­ten besie­del­ten Land­stri­che Deutsch­lands, der Pri­gnitz. Hier, genau­er in Unbe­sand­ten, betreibt der BBM e.V. ein Kultur‑, Ver­an­stal­tungs und For­schungs­zen­trum sowie ein klei­nes Archiv für Kunst, Kul­tur und Regio­nal­ge­schich­te.

Die Schwer­punk­te lie­gen auf der Beob­ach­tung, Archi­vie­rung, kri­ti­schen Beglei­tung, künst­le­ri­schen Über­set­zung und öffent­li­chen Prä­sen­ta­ti­on von gesell­schaft­li­chen, wis­sen­schaft­li­chen und tech­ni­schen Ent­wick­lun­gen, die einen unmit­tel­ba­ren, Ein­fluss auf Grund- und Men­schen­rech­te haben (kön­nen).

Die ers­te gro­ße Aus­stel­lung auf dem Gelän­de mit dem Titel „Kra­ke Kapi­tal” wur­de am 14. Mai 2016 im Rah­men der elbe­land­par­tie eröff­net (Fotos). Die Lis­te der über 30 betei­lig­ten Künst­ler aus zehn Län­dern ist beacht­lich. Auch der Schlag­zeu­ger, Kom­po­nist, Sän­ger, Schau­spie­ler, Syn­chron­spre­cher und Punk­ro­cker Bela B ist ver­tre­ten.

Der Künst­ler, Kura­tor, Publi­zist und Mit­grün­der des Kol­lek­tivs BBM (Beob­ach­ter der Bedie­ner von Maschi­nen) Olaf Arndt hielt zur Eröff­nung eine sehr inter­es­san­te Rede, in der er die kom­ple­xen Zusam­men­hän­ge und Bedeu­tun­gen eini­ger Wer­ke sowie den Titel „Kra­ke Kapi­tal” erklär­te. Damit die­se Rede nicht nur an die Ohren der Eröff­nungs­gäs­te gelangt, freue ich mich sehr, sie hier ver­öf­fent­li­chen zu dür­fen. (Rede als pdf)

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „KRAKE KAPITAL

von Olaf Arndt, im Mai 2016

Der Ruf des Kra­ken ist mise­ra­bel. Oft ist er ver­leum­det wor­den — zu unrecht, wie wir sehen wer­den. Es fängt damit an, dass 80% der deutsch­spre­chen­den Mensch­heit über­zeugt sind, Kra­ke sei weib­lich, also: die Kra­ke, was zu einer ers­ten Ket­te völ­lig fehl­ge­lei­te­ter Asso­zia­tio­nen führt.

Dabei ist er nur ein „ent­wur­zel­ter Baum“, wie das ety­mo­lo­gi­sche Wör­ter­buch von Pfei­fer das nor­we­gi­sche Stamm­wort „kra­ken” deu­tet, einer, des­sen Arme wie Wur­zeln in alle Rich­tun­gen wei­sen, eben aus­kra­gen.

Die zwei­te grund­fal­sche Annah­me ist, dass der Kra­ke gie­rig sei. Dies mag an einer unzu­läs­si­gen Über­tra­gung vom Men­schen auf das Tier lie­gen, wobei man zum Ergeb­nis kommt, dass jeder, der mehr als zwei Arme besitzt, die­se wohl nur zum Raf­fen, zum Anhäu­fen von Gütern ohne kon­kre­ten Bedarf benutzt.

Die meta­pho­ri­sche Wahr­neh­mung des Kra­ken, sei­ne sinn­bild­li­che, nicht die zoo­lo­gi­sche oder kuli­na­ri­sche, die bei­de recht posi­tiv sind, also jene Wahr­neh­mung, die von der Vor­stel­lungs­kraft bestimmt ist, lau­tet: der Kra­ke ver­kör­pert eine fins­te­re, uner­sätt­li­che, grau­sa­me Macht, die sich läh­mend unter­jo­chend, not­falls mor­dend in unse­re Ver­hält­nis­se ein­schleicht, und zur Erwei­te­rung ihrer eige­nen Macht vor kei­ner Schand­tat zurück schreckt. Der Kra­ke ist mit­hin qua­si syn­onym mit einer finan­zi­el­len oder indus­tri­el­len Orga­ni­sa­ti­on, einem omi­nö­sen Netz­werk oder einer kri­mi­nel­len Ver­ei­ni­gung, die unter­ir­disch (genau­er: unter­see­isch) tätig ist und damit dem Auge des nicht ein­ge­weih­ten Betrach­ters ent­zo­gen und ver­mut­lich wei­ter ver­zweigt ist, als wir uns zuge­ben wol­len.

Der Kra­ke ersetzt damit das viel­köp­fi­ge anti­ke Unge­heu­er namens Hydra, was sich dar­aus erklä­ren mag, dass mit dem Auf­kom­men der Psy­cho­lo­gie, die die Mytho­lo­gie ablöst, Saug­näp­fe und Ten­ta­kel mehr Furcht erre­gen als Köp­fe.

Das Bin­de­glied zwi­schen Mytho­lo­gie und Psy­cho­lo­gie ist kör­per­li­cher Natur. Der Kra­ke gehört bekannt­lich zu den Zepha­lo­po­den, den Kopf­füß­lern.

Die ver­meint­li­che Kör­per­lo­sig­keit des Kra­ken stellt Image-mäßig das größ­te Man­ko dar. Wer nur aus Kopf und Armen besteht, kann kein Herz im Leib haben. Dabei hat er bio­lo­gisch betrach­tet gleich drei: ein Haupt­herz und zwei Kie­men­her­zen.

Mit dem mit gro­ßen Augen bewehr­ten Kopf wird die Beu­te iden­ti­fi­ziert, die acht Ten­ta­kel packen sie. Mehr Aus­stat­tung braucht es nicht, um den Kra­ken als alles ver­schlin­gen­de tie­ri­sche Maschi­ne abzu­stem­peln.

Der Kra­ke steht unter den Mol­lus­ken ganz oben. Die Weich­tie­re sind einem enorm arten- und for­men­rei­chen Tier­stamm, der Salz- und Süß­was­ser besie­delt, eben­so wie das Fest­land. Schne­cken, Muscheln und ande­re Scha­le tra­gen­de oder nack­te Gewe­be­tie­re gehö­ren dazu.

Der Kra­ke ist das intel­li­gen­tes­te Weich­tier. Er ver­fügt über ein enorm kom­ple­xes Gehirn, das ihn zu plan­vol­len Tätig­kei­ten befä­higt, wie zum Bei­spiel dem geziel­ten Sam­meln und Arran­gie­ren von Bau­ma­te­ri­al. Dabei ver­fügt er über ein foto­gra­fi­sches Gedächt­nis, wenn es um die Wie­der­her­stel­lung eines zer­stör­ten Arran­ge­ments geht. Der Mensch, der hin­sicht­lich der rela­ti­ven Gehirn­grö­ße ohne­hin kei­ne Son­der­stel­lung im Tier­reich ein­nimmt, hat im Ver­gleich zum Kra­ken ein Spat­zen­hirn. Neben dem mäch­tig ent­fal­te­ten Ner­ven­sys­tem ver­fügt der Kra­ke über treff­lich ent­wi­ckel­te Sin­nes­or­ga­ne, die ihn geis­tig sehr hoch ste­hen las­sen.

Es ist viel mit dem Kra­ken expe­ri­men­tiert wor­den, viel­leicht aus Neid auf sei­nen gewal­ti­gen Denkap­pa­rat, und manch­mal befällt einen der Ver­dacht, es ist womög­lich sogar mit dem Ziel expe­ri­men­tiert wor­den, sein Gehirn als über Gebühr ange­schwol­le­nen, letzt­lich über­flüs­si­gen Hinter-Lappen zu dis­kre­di­tie­ren. Kra­ken bewäl­ti­gen die soge­nann­ten Irrgarten-Aufgaben effi­zi­en­ter als die meis­ten Säu­ge­tie­re, sind schlau­er als Rat­ten und kön­nen Schraub­ver­schlüs­se von Fla­schen dre­hen. Aber wel­ches Kind kann das nicht?

Noch etwas unter­stützt die Neid-Theorie. Es ist eine Art Penis-Neid, die den Men­schen ange­sichts des Mol­lus­ken befällt. Dafür ist es nicht allein die Grö­ße des Glie­des und sei­ne wei­che Haut ver­ant­wort­lich. Auch der Vor­gang der Ver­meh­rung selbst klingt uner­reich­bar spek­ta­ku­lär. Das Männ­chen ver­fügt über einen eigens für die Befruch­tung ein­ge­rich­te­ten soge­nann­ten „drit­ten lin­ken Arm”. Mit ihm führt er eine mit Sper­mi­en gefüll­te Kap­sel in eine Kör­per­ta­sche des Weib­chens ein, den soge­nann­ten Man­tel, wo die­se „explo­si­ons­ar­tig” deto­niert und die Eier befruch­tet. Die Samen­ku­gel wird fol­ge­rich­tig auch Patro­ne oder Hül­se genannt, wäh­rend der Arm, der sie abschießt hohl ist wie ein Gewehr­lauf.

Das mag Grund genug für den Mythos vom Schif­fe ver­sen­ken­den Unge­heu­er sein. Doch er ist lieb, beißt nur, wenn er in die Enge gerie­ben wird und ist sonst viel zu schlau, um agrres­siv zu sein.

Ein letz­ter hier zu erwäh­nen­der Umstand müss­te den Kra­ken eigent­lich zum Lieb­lings­tier aller Künst­ler prä­de­sti­nie­ren. In der Unter­haut des Kra­ken befin­den sich merk­wür­di­ge kon­trak­ti­le, also zusam­men­zieh­ba­re, mit ver­schie­den­far­bi­gen Pig­men­ten gefüll­te Zel­len, die Chro­mato­pho­ren, also farb­tra­gen­de Behäl­ter, die gemein­hin als Tinten-Beutel bezeich­net wer­den. Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang anzu­mer­ken, dass das grie­chi­sche Wort Chro­ma nicht nur Far­be, son­dern auch „Nüan­ce, Schat­tie­rung eines Cha­rak­ters” bedeu­tet. Mit dem Ver­sprü­hen der Tin­te ent­zieht sich der ver­folg­te Kra­ke dem Auge des Fein­des.

Wel­che Miss­gunst und Fehl­schlüs­se den Kra­ken zum Unhold gemacht haben, konn­ten wir erfah­ren.

Doch wol­len wir die­se schie­fe Geschich­te fort­schrei­ben, indem wir ihn mit dem Wort „Kapi­tal” kom­bi­nie­ren? Wäre es nicht an der Zeit, etwas zur Ehren­ret­tung des Kra­ken zu unter­neh­men? So wie es zuletzt der fran­zö­si­sche Autor Roger Cal­lois 1973 in sei­nem Buch über „Die Logik des Ima­gi­na­ti­ven” getan hat? Doch sie scheint schwer zu über­win­den, die­se Kraft des nur in der Ein­bil­dung Vor­han­de­nen. Zuge­ge­ben: Kapi­tal ist schlau und es geht auf Raub- und Beu­te­zü­ge, genau wie der Tin­ten­fisch. Kapi­tal kann zum viel­ar­mi­gen Unge­heu­er mutie­ren. Denn, wie der kana­di­sche Sozio­lo­ge Jason Moo­re sagt, wir leben im Zeit­al­ter des Kapi­tals, dem Kapi­tal­ö­zän, einem Zeit­ab­schnitt in der Erd­ge­schich­te, wo wir nur der Spur des Kapi­tals fol­gen müs­sen, um zu erken­nen, dass wir aus dem Holo­zän, der Jetzt­zeit, unmit­tel­bar in ein neu­es Dilu­vi­um, eine Sint­flut­zeit gera­ten sind, in der die Strö­me des Kapi­tals alle Errun­gen­schaf­ten der Zivi­li­sa­ti­on in weni­gen Jah­ren weg­wa­schen.

Als Grün­de für die Sint­flut gel­ten die Ver­feh­lun­gen der Mensch­heit. Ist das Kapi­tal die von höchs­ter Stel­le ver­an­lass­te Flut­ka­ta­stro­phe, mit der wir unse­re Sün­den nach­hal­tig kurie­ren? Und der Kra­ke, das Was­ser­tier, end­lich ganz in sei­nem Ele­ment?

Oder ist die Erfin­dung des Kapi­tals sel­ber eine Sün­de, von der alle unse­re Lebens­zu­sam­men­hän­ge über­schwemmt wer­den? Immer­hin gibt es eine bezie­hungs­rei­che Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Begrif­fen: auch „Kapi­tal” bedeu­tet Kopf — und die Füße fol­gen bald: Ab dem 16. Jahr­hun­dert fin­det sich das ita­lie­ni­sche Lehn­wort „capi­ta­le“ − „Ver­mö­gen“ im Sin­ne der Kopfzahl eines Vieh­be­stan­des, als Gegen­satz zu den frisch gewor­fe­nen Tie­ren als „Zin­sen“. Das Zäh­len der Bei­ne nimmt also kein Ende. Nach Karl Marx ist bekannt­lich Kapi­tal ein Geld­be­trag (G), der inves­tiert wird, um eine höhe­re Sum­me (G’) zurück­zu­er­hal­ten. Kapi­tal wird nicht zum Kon­sum oder zur Schatz­bil­dung ver­wen­det, son­dern inves­tiert, um ver­grö­ßert zurück­zu­keh­ren. Das ist, was der grie­chi­sche Vater der Phi­lo­so­phie, Aris­to­te­les, meint, wenn er mit Bezug auf das Geld anmerkt, es sei ein merk­wür­di­ges Ding. Es habe kein Geschlecht und ver­meh­re sich doch — viel­leicht mit einer Samen­pa­tro­ne, die es aus einem hoh­len Arm abschießt?

Kapi­tal erzeugt dabei das, was heu­te gemein­hin unter dem Label „Finanz­ka­pi­ta­lis­mus” fir­miert. Das „raf­fen­de” Kapi­tal, wie es die für ihre bestimm­te Men­schen­grup­pen her­ab­wür­di­gen­den Natur­ver­glei­che (ins­be­son­de­re Insek­ten und „Para­si­ten”) legen­dä­ren Nazis brand­mark­ten, das eine feind­li­che Über­nah­me nach der nächs­ten vor­be­rei­tet, und dabei, wie es der öster­rei­chi­sche Öko­nom Rudolf Hil­fer­ding schon 1915 for­mu­lier­te, vom Industrie-Kapital zum „orga­ni­sier­ten Kapi­tal” mutiert, so wie man von klei­nen Gangs­tern und orga­ni­sier­tem Ver­bre­chen spricht.

Wir wer­den die­se Fra­gen lei­der heu­te nicht abschlie­ßend beant­wor­ten kön­nen — zu vie­le vor uns sind vor dem „Gespenst des Kapi­tals” zurück geschreckt, als das es der Phi­lo­soph Joseph Vogl ein­mal iden­ti­fi­ziert hat. Sie haben es nicht zu fas­sen bekom­men, obwohl sie vie­le Jah­re ihres Lebens inves­tiert und 1000e Sei­ten klu­ger Gedan­ken dazu zusam­men getra­gen haben. Viel­leicht ist es sogar schäd­lich, sich zu inten­siv mit öko­no­mi­scher Theo­rie zu befas­sen — die­se Ansicht ver­tritt zumin­dest unser Freund, der Wie­ner Phi­lo­soph Wolf­gang Pir­cher, Autor des Buches „Sozi­al­ma­schi­ne Geld”, als wir ihn nach der berühm­ten The­se von der Schöp­fe­ri­schen Zer­stö­rungs­kraft des Kapi­tals frag­ten.

Wenn du damit anfängst, dann musst du Schum­pe­ter und Hil­fer­ding und Fried­rich August von Hayek lesen und Georg Sim­mel und Marx sowie­so und zack ist dein Leben rum, eh du dazu kommst, das Gele­se­ne zusam­men­zu­fas­sen.”

Und es kann sogar noch viel übler enden. Tho­mas de Quin­cey, welt­be­rühmt für sei­nen monu­men­ta­len und ihn selbst voll­stän­dig zer­stö­ren­den Opi­um­kon­sum, der ihn dazu befä­hig­te, ers­te Hand Infor­ma­ti­on in sei­nen bekann­tes­ten Text „Bekennt­nis­se eines eng­li­schen Opi­um­es­sers” ein­flie­ßen zu las­sen, schrieb in einer sehr kri­ti­schen Pha­se sei­ner Sucht:

er, der sich sonst äußerst weit gesteck­ter Inter­es­sen an allen belie­bi­gen The­men erfreue, sei der­art auf den Hund gekom­men und so fatal redu­ziert drauf, dass er sich nur noch für Volks­wirt­schaft begeis­tern kön­ne, die­sen „Boden­satz und Keh­richt vom Müll­hau­fen des mensch­li­chen Intel­lekts”. Dabei hät­te ihm eine ein­fa­che Beschrän­kung Lin­de­rung ver­schaf­fen kön­nen. Er hät­te statt in den Fän­gen des monu­men­ta­len Opium-Affen volks­wirt­schaft­li­che Stu­di­en zu trei­ben, ein­fach die Kehr­sei­te der Volks­wirt­schaft, das Elend, das sie aus­lös­te, beschrei­ben kön­nen. Denn im Ankla­gen des Elends war de Quin­cey bereits Exper­te — und sind wir das nicht alle, wenn es um das The­ma Geld geht?

Was aber sol­len, was kön­nen wir alle tun gegen die Aus­wüch­se des Finanz­ka­pi­tals?

Ich möch­te zur Beant­wor­tung die­ser Fra­ge die vor­ge­tra­ge­nen Theo­ri­en über Intel­li­genz, Kraft und angeb­li­chen Zer­stö­rungs­wil­len sehr gro­ßer Kra­ken jetzt um einen letz­ten Punkt ergän­zen, näm­lich ihren Ein­fluss auf die Phan­ta­sie und ande­re bild­ge­ben­de Kräf­te und dies dann an zwei zen­tra­len Wer­ken der Aus­stel­lung, Sahar Zuker­manns „Sankt Georg und der Dra­che II“ und Vero­ni­ka Schu­ma­chers „Die sie­ben Pla­gen” näher erläu­tern.

Wir haben ein­gangs viel über die unter­see­ische Fau­na, ihre Rie­sen und die Fan­ta­si­en gehört, die sie her­vor­rie­fen. Das waren Fest­zei­ten für die Ein­bil­dungs­kraft, als wir noch über­all auf leben­de Mons­tren, auf war­me wei­che Gigan­ten tra­fen. Erst seit etwa 10.000 Jah­ren leben wir im Zustand öko­lo­gi­scher Lan­ge­wei­le. Die Lan­ge­wei­le folg­te der sport­li­chen Ver­nich­tung aller gro­ßen Tie­re. Sie wür­den zwei­fels­oh­ne noch leben, wenn man nur so vie­le geschlach­tet hät­te, wie man essen konn­te. Heu­te, in der tier­lee­ren Gegen­wart, müs­sen wir ande­re risi­ko­rei­che sport­li­che Akti­vi­tä­ten erfin­den, tief sprin­gen, hoch flie­gen, durch wil­de Was­ser und unweg­sa­me Wüs­ten rasen, und gigan­ti­sche Sum­men Gel­des ver­ju­xen, dabei tau­sen­de, ja Mil­lio­nen Men­schen ins Unglück stür­zen, um wenigs­tens etwas von dem Herzschlag-beschleunigenden Won­ne­schau­er der Jagd auf die Mit­glie­der einer Mega­fau­na zu erle­ben, einer Land­schaft bevöl­kert von gigan­ti­schen rüssel‑, klauen- und säbel­zahn­tra­gen­den Tie­ren. Denn nach den Erkennt­nis­sen der Paläo­öko­lo­gie ist es mehr als wahr­schein­lich, dass die mytho­lo­gi­schen Bes­ti­en aus Homers Odys­see und die Dra­chen, die von Nibe­lun­gen und hei­li­gen Geor­gen bekämpft wur­den, kei­ne Aus­ge­bur­ten über­spann­ter Phan­ta­sie, son­dern ein­fach über­gro­ße meter­lan­ge Pflan­zen­fres­ser waren, deren schon immer klei­ne Zahl am ehes­ten ihre voll­stän­di­ge Aus­lö­schung durch den Men­schen begüns­tig­te. Jeden­falls ist man heu­te sicher, dass der Anteil, den der Kli­ma­wan­del an ihrem Ver­schwin­den hat­te, eher unbe­deu­tend ist. Dafür spre­chen zwei Grün­de:

1. die über­gro­ßen Tie­re hat­ten zum Zeit­punkt ihres Ver­schwin­dens bereits meh­re­re radi­ka­le kli­ma­ti­sche Wan­del über­stan­den.

2. Es gibt Kul­tu­ren, mensch­li­che Gemein­schaf­ten in Süd­ame­ri­ka und den heu­ti­gen USA, die schon lan­ge vor Beginn unse­rer Zeit­rech­nung stren­ge Regeln zum Schutz sol­cher Tie­re auf­stell­ten, weil sie erkannt hat­ten, dass deren Ver­schwin­den mit dem mensch­li­chen Jagd­ver­hal­ten ein­her geht und somit kurz­fris­tig zu einem Pro­blem für den Men­schen wür­de.

Zu spät, muss man ergän­zen, denn nur auf einem ein­zi­gen Kon­ti­nent, in Afri­ka, haben über­haupt ein paar gro­ße Tie­re in klei­nen Stück­zah­len über­lebt, Gigan­ten, die einst auf allen Kon­ti­nen­ten hei­misch waren.

Um sich Sahar Zuker­manns viel­schich­ti­gem Bild „Der hei­li­ge Georg 2” zu nähern, ist es not­wen­dig, einen Blick auf die betei­lig­ten Par­tei­en und Ele­men­te zu wer­fen: außer einem Baum und reich­lich Nebel (oder ist es Trä­nen­gas?) sieht man einen grü­nen Schwanz oder Arm, der durch sei­ne mit Saug­näp­fen besetz­te Unter­sei­te den Besit­zer des Glie­des als zur Fami­lie des Kra­ken gehö­rig aus­weist. Dane­ben vier Män­ner, einer davon zu Pfer­de und mit einem lan­gen Stab aus­ge­rüs­tet, deren schwe­re Rüs­tung im Stil des Kör­per­schut­zes bei Auf­stands­be­kämp­fung sie als zur Poli­zei gehö­rig aus­weist. Die Poli­zei ist, wie der ame­ri­ka­ni­sche Autor David Gra­eber, Kopf von Occu­py Wall Street, es kürz­lich in sei­nem Buch „Direk­te Akti­on” so tref­fend beschrie­ben hat, das zen­tra­le Organ des Staa­tes, das plan­mä­ßig das Gesetz bre­chen darf. Auf Zuker­manns Bild bre­chen sie zumin­dest mit dem Kli­schee des gehar­nisch­ten, erbar­mungs­lo­sen Cyber­cops, denn sie haben ihre Hand­schu­he für die Ope­ra­ti­on aus­ge­zo­gen. Die Poli­zei heißt im Volks­mund „die Poly­pen”, also eben­falls zur Fami­lie des Kra­ken gehö­rig.

Man könn­te sagen: es wer­den auf tief­sin­ni­ge Art auf dem Bild Fami­li­en­ban­de gezeigt, oder mit dem Schrift­stel­ler Karl Kraus, der die Dop­pel­bö­dig­keit die­ses Wor­tes lieb­te, „eine Fami­li­en­ban­de”.

Viel­leicht hat Zuker­mann, als er die Poli­zis­ten mit einer Ges­te der Für­sor­ge aus­stat­te­te, sie mit unge­schütz­ter, fast zärt­lich wal­ten­der nack­ter Hand den Schwanz des gro­ßen Tie­res anfas­sen lässt — oder ist es ein Nah­rung suchen­der wei­cher sen­si­bel tas­ten­der, sich furcht­sam am Baum ver­fan­gen­der Rüs­sel? — viel­leicht hat Zuker­man beim Ent­wurf die­ser Sze­ne an das Vor­bild umwelt­be­wuss­ter archai­scher Gesell­schaf­ten und an eine aktu­ell ganz drän­gen­de Not­wen­dig­keit gedacht, an eine über­le­bens­not­wen­di­ge Ord­nung, die eine eili­ge und zudem eine der bes­ten Auf­ga­ben einer Poli­zey mit Y wären, wie sie sich noch vor weni­gen Jahr­hun­der­ten selbst ver­stand: als eine Ein­rich­tung zuguns­ten des Gesamt­wohls der Gesell­schaft.

Die­se Idee hat mir übri­gens mei­ne Nich­te ein­ge­ge­ben, die ohne Zögern sag­te, als sie das Bild sah: die kämp­fen nicht, die hel­fen ihm. Ähn­li­che Ein­drü­cke gewinnt man, wenn man Vro­ni Schu­ma­chers Bild genau­er betrach­tet: ist es nicht ein Dienst am Men­schen, wenn der Kra­ke die Herr­schafts­in­si­gni­en der Waffen- und Chemie-Konzerne fest in den Griff nimmt, sie umar­ran­giert, viel­leicht nach sei­nem Gus­to neu ord­net? Womög­lich ver­baut er sie so, dass sie ganz unschäd­lich wer­den?

Sol­che Hil­fe benö­ti­gen Mensch und Natur, um im Kampf um die Pfrün­de nicht völ­lig dem Alles­fres­ser Kapi­tal zu unter­lie­gen.

Der kana­di­sche Phi­lo­soph John McMur­try mag über die­sen Kampf nach­ge­dacht haben, als er 2013 sein Lebens­werk „The Can­cer Sta­ge of Capi­ta­lism”, zu deutsch etwa „Krebs­ge­schwür Kapi­tal, Digno­se und Hei­lungs­vor­schlä­ge, nach 30 Jah­ren erneut und erwei­tert um die Erkennt­nis­se aus der 2008er Finanz­kri­se her­aus brach­te. Gemein­sam mit der Lon­do­ner Künst­ler­grup­pe New Art on Mon­days und mit BBM hat McMur­try dann sei­ne zen­tra­le Meta­pher für das Kapi­tal, die Meta­sta­se, die alles Gesun­de über­wu­chert, in eine Skulp­tur über­setzt, die im Hal­len­haus qua­si den gesam­ten Raum ein­nimmt. Dabei wer­den die Begrif­fe, mit denen ein unge­sun­der Finanz­markt sich ent­wi­ckelt, der Boom, das schnel­le Anwach­sen und die Bla­se, die sei­ne höchs­te Stei­ge­rungs­form ist, gewis­ser­ma­ßen hand­fest in die Form über­setzt: nach einem Rasterelektronen-miskroskopischen Foto einer Krebs­zel­le modu­liert, bläst sich das Mons­trum von einer Skulp­tur so lan­ge auf, bis nie­mand anders mehr im Raum Platz hat. Sie allein und nichts sonst.

Um ein beson­de­res Merk­mal des Kapi­ta­lis­mus bes­ser zu ver­ste­hen, möch­te ich einen ein­gangs bereits erwähn­ten Begriff noch­mals auf­grei­fen: das Anhäu­fen. Im Zusam­men­hang mit der Finanz­kri­se tauch­te stän­dig der Begriff „Gier” auf, die absur­der­wei­se mit dem Erfolg wächst, statt abzu­neh­men. Von Gier wur­de immer dann gespro­chen, wenn ein Ver­hal­ten letzt­lich unbe­grün­det, unver­nünf­tig, maß­los schien. Aber wel­che Rol­le hat­te, wel­chen Sinn konn­te ein so stark sub­jek­ti­ves, irra­tio­na­les Ele­ment in einem ansons­ten voll­stän­dig durch­ra­tio­na­li­sier­ten, qua­si mathe­ma­tisch genau­em Sys­tem haben? Als Emi­le Zola Leser war mir schon klar, dass die sau­be­re Ober­flä­che, auf der alles nach ordent­li­cher Rechen­ar­beit aus­sah, nur eine Theater-Fassade war und hin­ter der Büh­ne Gerüch­te umlie­fen, die das Spiel bestimm­ten. Aber die Moti­va­ti­on, wenn man das so sagen kann, der Aus­lö­ser für die Gier war damit nicht erklärt. Irgend­wer, irgend ein sozia­ler Pro­zess muss­te die Gier doch gesell­schaft­lich legi­ti­mie­ren?

In sei­ner klei­nen Stu­die „Macht und Über­le­ben” spricht Eli­as Canet­ti von einer „Pas­si­on, die uner­sätt­lich ist”. Die­se Pas­si­on ist die der Macht, die „an die Tat­sa­che des Todes gebun­den” ist und an das Erleb­nis, zu Über­le­ben. Um zu erklä­ren, wie der „Geschmack am Über­le­ben” zum „Häu­fen” führt, skiz­ziert er fol­gen­de Idee, die ich hier ganz stark ver­kürzt wie­der­ge­be. Der Mensch hat drei Grund­hal­tun­gen: er steht, sitzt oder liegt. Ste­hend ist er auto­nom, ent­schei­dungs­frei. Sit­zend übt er Druck aus (man den­ke nur an Behör­den: dort steht der War­ten­de, der Ent­schei­der sitzt). Er wird grö­ßer, wenn er sich erhebt. Lie­gen kann zwei­er­lei bedeu­ten: man hat sich ent­waff­net und zum Schlaf gelegt. Oder: der Lie­gen­de ist tot. Er wird sich nie wie­der erhe­ben. Der Schreck des Her­an­na­hen­den vor dem lie­gen­den Toten wird ganz bald in das Gefühl der Genug­tu­ung über­führt: man ist nicht selbst der Tote. So wird der Schreck, mit dem eige­nen Ende kon­fron­tiert zu sein, in die Befrie­di­gung ver­wan­delt, über­lebt zu haben. So wird der Leb­lo­se zu einer Art Beu­te. Der Leben­de fühlt sich dem gegen­über, „als wäre er gewach­sen.”

Canet­ti sagt: „Die Situa­ti­on des Über­le­bens ist die zen­tra­le Situa­ti­on der Macht.” Unter den Bei­spie­len, die er nun fol­gen lässt, um zu illus­trie­ren, wie aus die­sem „heim­li­chen Tri­umph” ein offen ein­ge­stan­de­ner wird, aus der Reo­he von anthro­po­lo­gi­schen Bei­spie­len, die alle mit dem Töten und dem Kampf „Mann gegen Mann” zu tun haben, will ich nur eines her­aus grei­fen, weil es den Zusam­men­hang zwi­schen Zah­len und Macht erhellt — und mich von daher an bestimm­te Ritua­le unter Ban­kern, Bör­sen­mak­lern und Finanz­spe­ku­lan­ten erin­nert: „Das Anse­hen … krie­ge­ri­scher Tüch­tig­keit auf Fidschi war so groß, dass es vier ver­schie­de­ne Namen für Hel­den gab, je nach der Zahl der getö­te­ten Fein­de. Der Nied­rigs­te in der Ska­la hieß koroi, der Töter eines Men­schen. Koli hier, wer zehn, Visa, wer zwan­zig und Wang­ka einer, der drei­ßig Leu­te erschla­gen hat­te. Ein berühm­ter Häupt­ling hieß Koli-Visa-Wangka, er war der Töter von 60 Men­schen.” Was bedeu­tet es denn, ein Mil­li­ar­där zu sein? Sym­bo­li­siert nicht die Län­ge der Ket­te von Nul­len eine unvor­stell­bar gro­ße Zahl von Besieg­ten, Ver­nich­te­ten, voll­stän­dig zer­stör­ten Men­schen, denen ihre Exis­tenz genom­men, ja die viel­leicht, wie die in die Schul­den­fal­le gelock­ten indi­schen Bau­ern oder ame­ri­ka­ni­schen Eigen­heim­be­sit­zer, sich schließ­lich ent­lei­ben, weil sie die abs­trak­te Zah­len­ket­te, auf ihrer Sei­te mit einem Minus­zei­chen davor, nicht aus ihrem Leben abson­dern kön­nen? Und wie wird man Mil­li­ar­där? Zurück zu Canet­ti: er schließt den Fall des „sau­be­ren” Hel­den jeden­falls aus. Das Glücks­ge­fühl, den ande­ren über­lebt zu haben, sagt er, sei eine zu „inten­si­ve Lust”: „Wer von ihr beses­sen ist, wird sich die For­men gesell­schaft­li­chen Lebens um ihn in der Wei­se zu eigen machen, dass sie der Fröh­nung die­ser Pas­si­on die­nen.” Die gele­gent­li­chen Chan­cen, die das all­täg­li­che Leben bie­tet, rei­chen bald nicht mehr aus. Man wird nach­hel­fen, denn: „Wer Geschmack am Über­le­ben gewon­nen hat, der will es häu­fen.”

So wie bei den Poly­ne­si­ern der Zuwachs an Macht durch immer grö­ße­re Anhäu­fung von „kör­per­li­chen Über­bleib­seln der besieg­ten Fein­de” sicht­bar wird, zeigt sich heu­te die Grö­ße der Macht eines erfolg­rei­chen Man­nes in der Anhäu­fung von Zah­len: was ist so betrach­tet der Mil­li­ar­där ande­res als ein Koli-Visa-Wangka?

Las­sen Sie uns an die­ser Stel­le einen Moment das Feld der Kunst und ihrer Inter­pre­ta­ti­on ver­las­sen und an einem hier auf dem Land nahe­lie­gen­den Bei­spiel den Gedan­ken­zu­sam­men­hang erhel­len, auf den wir mit die­ser Aus­stel­lung hin­aus möch­ten.

Alles wäre halb so schlimm, hät­te das Kapi­tal nicht die Ten­denz zur Mono­kul­tur, die eine Ten­denz zur Tota­li­tät ist. Wenn es ein­mal her­aus gefun­den hat, was in die­ser oder jener Gegend am bes­ten läuft, kennt es kein Maß, kein Ein­hal­ten, kei­ne fried­li­che Koexis­tenz. Kapi­tal ist krie­ge­risch und damit, anders als die Natur, nicht selbst­re­gu­lie­rend. Es ver­nich­tet alles, was anders ist und lässt nur das eine übrig, was es am meis­ten ver­grö­ßert. Heu­te ist das mei­net­hal­ben der Mais, der mit knall­ro­tem Kunst-Gift gebeizt ist, das alles außer dem Mais­korn selbst tötet, eine fata­ler Coup, nur um die ent­ste­hen­de Bio­mas­se hin­ter­her zu ver­hei­zen. Oder der Raps, der zu 10% dem Ben­zin zuge­schla­gen wird, dabei das Ben­zin, das wir in den Tank gie­ßen, weni­ger effi­zi­ent macht. Ein gro­tes­kes Null­sum­men­spiel, bei dem aller­dings, und das ist das ein­zi­ge Ziel der Ope­ra­ti­on, kurz­zei­tig Unsum­men über den Tisch gehen, der wie ein Rou­let­te funk­tio­niert, mit einer Bank, die alle paar Run­den plei­te macht. Dabei ver­ges­sen wir, dass auf der Flä­che, die wir für den Antrieb unse­rer Autos bewirt­schaf­ten, kei­ne Nah­rungs­mit­tel mehr ange­baut wer­den — und ver­hun­gern, um fah­ren zu kön­nen? Ja, denn die Ten­denz zur Mono­kul­tur hat kein Inter­es­se an Rand­strei­fen oder einer Wech­sel­wirt­schaft, wo die siche­re Ren­di­te bei jedem Wech­sel erst wie­der erwirt­schaf­tet wer­den muss. Mono­kul­tur macht das Fass leer bis zum Boden. Sonst wür­de sie ihren Namen nicht ver­die­nen. Mono­kul­tur ist der Para­sit, der statt den Wirt zu pfle­gen und am Leben zu erhal­ten, ihn mit einem Schlag auf­frisst und dann von der lee­ren Hül­le aus auf den nächs­ten springt, so als gäbe es für immer und ewig genug Wir­te.

Mar­tin Hei­deg­ger ist oft und zurecht geschol­ten wor­den für sein distanz­lo­ses Ver­hal­ten gegen­über den Nazis. Doch sein Ver­gleich zwi­schen der indus­tri­el­len Ver­nich­tung von Men­schen in den KZs und der maschi­nel­len Land­wirt­schaft klingt heu­te mit jedem Ent­wick­lungs­schritt hin zum smart far­ming plau­si­bler. Die unbe­strit­ten his­to­ri­sche Ein­zig­ar­tig­keit der Gräu­el­ta­ten des 3. Reichs ver­erb­te sich nicht so sehr auf den Gulag oder Pol Pot. Viel schluss­rich­ti­ger, weil weni­ger von ideo­lo­gi­schen Rah­men­set­zun­gen behin­dert und viel sen­ti­ment­lo­ser, effi­zi­en­ter und flä­chen­de­cken­der setzt sich die Idee tota­ler Welt­be­herr­schung in den aktu­el­len Eksta­sen des Finanz­ka­pi­tals ins Werk. Es mag pro­vo­kant klin­gen, aber wer hät­te gedacht, als her­aus kam, wofür die unend­li­chen Men­gen des Insek­ten­ver­nich­tungs­mit­tels Zyklon B wirk­lich ver­wen­det wer­den, dass kei­ne 100 Jah­re spä­ter der gan­ze Erd­ball mit Gly­pho­sat und Neo­ni­co­ti­noi­den über­gos­sen wird — und zwar aus ähn­lich nie­de­ren Beweg­grün­den, näm­li­cher aus purer, an Wahn­sinn gren­zen­der Macht- und Geld­gier.

Um die­se Idee dreht sich auch die Arbeit der für ihren sar­kas­ti­schen Humor schon legen­dä­ren bri­ti­schen Künst­ler Jake und Dinos Chap­man, die zur Creme der zeit­ge­nös­si­schen Kunst gehö­ren. In ihrem Video „Höl­le“ ver­fol­gen sie den ideologisch-kapitalistischen Kom­plex bis ins 3. Reich zurück, wo sie in einem KZ auf Iko­nen der Gegen­wart wie den bösen Clown Ronald McDo­nald, einen wei­te­ren Expo­nen­ten der Ernährungs-Monokultur sto­ßen.

Die Mono­ma­nie hat Sys­tem: in den euro­päi­schen Richt­li­ni­en zur För­de­rung von land­wirt­schaft­li­chen Flä­chen ist prä­zi­se fest­ge­legt, dass för­der­fä­hig nur Flä­chen sind, die voll­stän­dig frei sind von jeder wil­den Vege­ta­ti­on. Die dafür nöti­gen „Säu­be­rungs­ar­bei­ten” (auch so ein Wort aus tota­li­tä­rer Tra­di­ti­on) sind ein Garant für Redu­zie­rung der Arten­viel­falt, Frucht­bar­keit und öko­lo­gi­schen Sta­bi­li­tät, sowie zur Erhö­hung von Ero­si­on, Über­flu­tung und all­ge­mei­ner Erschöp­fung. Was ist die Logik dahin­ter, zumal die­sel­be Ver­wal­tung über ihre Bio­sphä­ren­pro­gram­me zumin­dest mit Fei­gen­blatt­sum­men auch exakt in das Gegen­teil inves­tiert? Die Redu­zie­rung der Arten­viel­falt ist gegen­stands­los für die Bio­öko­no­mie, da die Mehr­zahl aller Arten kei­ne wirt­schaft­li­che Rele­vanz besit­zen. Im Gegen­teil, wenn der kos­ten­lo­se Bestäu­bungs­dienst, den Insek­ten leis­ten, durch Aus­rot­tung von Bie­nen, Hum­meln etc. fort­fällt, erschließt dies einen neu­en Markt der künst­li­chen Bestäu­bung. Öko­lo­gi­sche Insta­bi­li­tät ist gemäß die­ser Logik wün­schens­wert, weil alle kapi­tal­ba­sier­ten Sys­te­me schnell an Gren­zen kom­men. Daher sind Kri­sen not­wen­dig, sozu­sa­gen der Motor des Finanz­mark­tes auf sei­ner Fahrt ins Glück. Sta­bi­li­tät ist kon­tra­pro­duk­tiv, führt schnell zu einer Sta­gna­ti­on, die fatal wirkt in einem Sys­tem, das auf einer wider­na­tür­li­chen Wachs­tums­an­nah­me basiert: es funk­tio­niert nicht ohne Stei­ge­rung, den sog. Inves­ti­ti­ons­an­reiz, nicht ohne die stän­di­ge Ver­grö­ße­rung des Kapi­tals. Ero­si­on und Aus­spü­lung, Über­flu­tung und ande­re durch die Richt­li­ni­en zur Redu­zie­rung der natür­li­chen Viel­falt und Sta­bi­li­tät erzeug­te soge­nann­te Umwelt­ka­ta­stro­phen machen zahl­rei­che Gegen­maß­nah­men nötig, künst­li­che Dün­gung, schüt­zen­de Bau­wer­ke, alles siche­re Ein­nah­me­quel­len, die ohne die plan­voll her­bei­ge­führ­te Ver­ödung nicht exis­tie­ren wür­den. Nur das dere­gu­lier­te Sys­tem ist ein­träg­lich.

War­um ver­schließt unse­re Gesell­schaft davor die Augen, ja brand­markt sogar die weni­gen, die sol­che Zusam­men­hän­ge benen­nen, als „Ver­schwö­rer”? Was ist so attrak­tiv an einem Sys­tem, von dem nur ganz Weni­ge wirk­lich pro­fi­tie­ren? War­um unter­stützt die Mehr­zahl etwas, dass ihr nichts nützt und schon mit­tel­fris­tig sogar schwer scha­det? Mit „kul­tu­rel­ler Hege­mo­nie“, wie der ita­lie­ni­sche Phi­lo­soph Anto­nio Gram­sci das genannt hat, mit Bevor­mun­dung durch media­le „Gehirn­wä­sche” ist das nur unzu­rei­chend erklärt.

Tief in uns allen, beson­ders tief aber in den Bau­ern, muss ein Hass gegen die Natur schlum­mern, viel­leicht eine Ver­ach­tung ihrer Frei­ge­big­keit. Die Bau­ern erhal­ten in der Regel kei­nen Anteil am Kapi­tal, ver­die­nen häu­fig sogar zu wenig, um ohne Sub­ven­ti­on exis­tie­ren zu kön­nen. Daher unter­stüt­zen wir alle mit unse­rem Steu­er­geld ein Sys­tem, das der Natur schwe­ren Scha­den zufügt und uns alle krank macht mit Gift. Spu­ren von dem bereits erwähn­ten, sog. Unkraut­ver­nich­ter Gly­pho­sat las­sen sich heu­te in qua­si jedem mensch­li­chen Kör­per, in der Mut­ter­milch, im Urin nach­wei­sen. Die Richt­li­ni­en wer­den von Poli­ti­kern aus­ge­dacht, also steu­er­zah­len­den Besit­zern von Kör­pern, in denen sich durch ihre eige­nen Ent­schei­dun­gen zuneh­mend mehr Gif­te abla­gern. Es muss also auch ein exis­ten­zi­el­ler Selbst­hass, eine Todes­ver­ach­tung im Spiel sein. Oder ist es die gro­ße Rache kran­ker Mono­maner, die nicht ertra­gen kön­nen, wenn etwas mäch­ti­ger ist als sie selbst?

Wenn aber Richt­li­ni­en, eben­so übri­gens wie das Geld, das Kapi­tal und die Stei­ge­rungs­ra­te der Ren­di­te, von Men­schen aus­ge­dach­te Din­ge sind, dann lie­ßen sie sich von Men­schen wie­der ändern, zwar nicht umstands­los, aber sicher leich­ter, als wenn „die Natur” nicht mehr rich­tig funk­tio­nier­te oder „der Kli­ma­wan­del” schuld wäre — Din­ge, die zu groß und jen­seits unse­rer mensch­li­chen Ein­fluss­mög­lich­kei­ten lie­gen. Zumin­dest ver­ste­hen wir nun, war­um uns letz­te­res ohne jeden Beweis stän­dig ein­ge­re­det wird: damit die­se wacke­li­ge ris­kan­te men­schen­ge­mach­te Kon­struk­ti­on nicht in Fra­ge gestellt oder gar umge­stürzt wird. Aber es erklärt nicht, war­um wir trotz bes­se­ren Wis­sens alle mit­ma­chen.

Ein letz­tes Bei­spiel aus unse­rer Künst­ler­aus­wahl möch­te ich Ihnen noch geben — und dann neh­men wir uns alle zur inne­ren Befeuch­tung ein Glas und bege­ben uns gemein­sam auf die Tour durch die Aus­stel­lung. Denn vie­le der Arbei­ten las­sen sich bes­ser im Gespräch dar­über als in einer Fron­tal­prä­sen­ta­ti­on erklä­ren.

Wenn der Kra­ke, der wie wir erfah­ren haben, drei Her­zen besitzt, mit denen er sich in die Welt des Kapi­tals ein­füh­len kann, jemals — so wie wir — die trau­ri­ge Gele­gen­heit erhiel­te, Sal­ly Gutier­rez Film Organ Mar­ket anzu­schau­en, der einen tie­fen Ein­blick gewährt in die mensch­li­chen Umstän­de hin­ter dem welt­wei­ten Organ­han­del, der auf dem größ­ten Müll­berg der Welt in dem Distrikt Ton­do, Metro Mani­la, Phil­ip­pi­nen als Ein­zel­schick­sal beginnt, ein Schick­sal, an dem wir alle, die wir eines Tages viel­leicht ein Spen­der­or­gan haben möch­ten, betei­ligt sind, und wenn der Kra­ke, durch die knie­tief unter Was­ser ste­hen­den, von Unrat über­flu­te­ten Stra­ßen Ton­dos watend, erfah­ren wür­de, dass jemand sei­ne Nie­re dort für 2000 Dol­lar ver­kauft und vom Käu­fer im Gegen­zug einen Kre­dit­ver­trag über ein Moped mit einem ange­bau­ten Markt­kof­fer erhält, mit dem er sich end­lich vom Müll Mani­las frei kau­fen und unab­hän­gig, im ganz klei­nen Maß­stab auto­nom wer­den will, und wenn der Kra­ke erfüh­re, dass der Kauf­preis für das Moped bei 3000 Dol­lar liegt, also die unvor­stell­ba­re und nie zu erwirt­schaf­ten­de Sum­me von 1000 Dol­lar höher als die Bar­schaft des Nie­ren­ver­käu­fers und dass er die­se Finan­zie­rungs­lü­cke nur mit einer wei­te­ren Nie­re oder, wenn ihm das zu ris­kant ist, mit der Ober­haut eines sei­ner bei­den Augen bezah­len kann, wodurch er dann halb­sei­tig erblin­det, wenn also der Kra­ke wie wir die­sen Film gese­hen hat, wür­de er sich wahr­schein­lich wie ein Opi­um­rau­cher in sei­ne Höh­le zurück zie­hen, von innen alle Stei­ne wie­der sorg­sam vor dem Ein­gang arran­gie­rend als Mau­er zwi­schen sich und der Welt und statt sich mit Volks­wirt­schaft zu beschäf­ti­gen, wür­de er sicher über­le­gen, ob er sei­nen hoh­len Arm jemals wie­der zum Ver­schie­ßen einer Samen­pa­tro­ne ver­wen­det oder lie­ber ange­sichts der herr­schen­den Markt­ge­set­ze auf Nach­wuchs ver­zich­tet und ein schwe­res Betäu­bungs­mit­tel durch die Röh­re drit­ter Arm links ein­saugt, um damit all die Spu­ren des Kapi­tals vor sei­nem inne­ren Auge zu ver­wi­schen und wenigs­tens in sei­ner Höh­le ein paar Stun­den glück­lich vor sich hin zu däm­mern, wenn er die Welt drau­ßen schon nicht umbau­en kann.

Ein extrem schlau­er Kra­ke, der alles genau beob­ach­tet, und in Fol­ge davon depres­siv wird, hilft uns nun wirk­lich gar nicht, die Welt zu ver­bes­sern. Und bei die­ser Her­ku­les­ar­beit, den Stall des Kapi­tals ein­mal ordent­lich aus­zu­mis­ten, brau­chen wir drin­gend Unter­stüt­zung. Star­ke Wesen mit acht Armen kom­men uns da gera­de recht. Es lässt sich also zusam­men­fas­send sagen, dass im Titel der Aus­stel­lung ein klei­nes Wört­chen fehlt. Näm­lich das Wort „gegen”: Kra­ke gegen Kapi­tal, so wie es die ame­ri­ka­ni­sche Sachbuch-Bestsellerautorin Nao­mi Klein im Titel ihres jüngs­ten Buches for­mu­liert: „Kli­ma gegen Kapi­tal”: denn es steht eine Ent­schei­dung an. Die­se Aus­stel­lung soll hel­fen, sie zu fäl­len.

Beteiligte Künstler und Künstlerinnen:

Simo­ne Ahrend (D), Bela B (D), Broom­berg & Cha­na­rin (UK), Bureau d´Etudes (F), Françoi­se Cac­tus & Anton (F/D), Kyle Cala­n­an (NZ), Jake and Dinos Chap­man (UK), Cos­t­an­ti­no Cier­vo (IT), Copa & Sor­des (CH), Klaus Effern (D), FLATZ (D), Sal­ly Gutiér­rez Dewar (ES), Vik­tor Hertz (SE), Peter Ken­nard & Cat Pic­ton Phil­lipps (UK), Alex­an­der Krohn (D), The Artist Taxi Driver/Mark McGo­wan (UK), Richard Mos­se (IRL), Csa­ba Nemes (HU), NewAr­ton­Mon­days/BBM (UK/D), Car­rie Rei­chardt (UK), Ste­ve Rowell/CLUI (USA), Mar­tha Ros­ler (USA), Dani­el Sebas­ti­an Schaub (D), Ange­li­ka Schneider-von May­dell (D), Vero­ni­ka Schu­ma­cher (D), Iva­na Spi­nel­li (I), Jonas Staal (NL), Sahar Zuker­man (IL)

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