Abwärts im Kreislauf – Eine künstlerische Interpretation des 39C3-Mottos

Auf Ebe­ne 1 des 39. Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gress, hin­ter dem Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter, begeg­nen Besucher:innen zwei Arbei­ten, die sich lei­se, aber ein­dring­lich in den Dis­kurs der Ver­an­stal­tung ein­bet­ten: Abwärts – Sprint 101 und Abwärts – Sprint 102. Bei­de Wer­ke sind eigens für den 39C3 ent­stan­den und wer­den hier erst­mals öffent­lich gezeigt. Sie inter­pre­tie­ren das dies­jäh­ri­ge Mot­to Power Cycles – tech­nisch wie gesell­schaft­lich – in einer prä­zi­sen, mate­ri­al­ba­sier­ten Bildsprache.

Materialisierte Burndowns

Bei­de Arbei­ten sind als reli­ef­ar­ti­ge Col­la­gen auf dunk­lem Grund ange­legt. Eine schräg abfal­len­de Mas­se aus geschred­der­tem Papier domi­niert die Bild­flä­che. Was einst Infor­ma­ti­on, Iden­ti­tät und Ord­nung trug, liegt nun frag­men­tiert vor – ver­dich­tet zu einer Dia­go­na­le, die unwei­ger­lich nach unten führt. Die Form erin­nert an Burndown-Diagramme aus agi­len Arbeits­kon­tex­ten: Visua­li­sie­run­gen von Ver­brauch, Fort­schritt und Erschöp­fung. In die­sem Zusam­men­hang wer­den die Arbei­ten zu Bil­dern des sys­te­mi­schen Abtrags – von Ener­gie, Auf­merk­sam­keit und Bedeutung.

Wachstum aus dem Rest

Aus den geschred­der­ten Frag­men­ten wach­sen orga­ni­sche Ele­men­te: In Sprint 101 sind es fili­gra­ne Getrei­de­hal­me, in Sprint 102 zwei Son­nen­blu­men. Sie wir­ken fra­gil und zugleich beharr­lich. Ihr Wachs­tum aus dem zer­stör­ten Mate­ri­al mar­kiert kei­nen ein­fa­chen Gegen­pol, son­dern einen Zyklus: Zer­fall ermög­licht Rege­ne­ra­ti­on. Die Arbei­ten ver­han­deln damit einen zen­tra­len Gedan­ken von Power Cycles – dass Neu­start, Reset und Erneue­rung nicht außer­halb des Sys­tems statt­fin­den, son­dern aus sei­nen Res­ten hervorgehen.

Im Kon­text des 39C3 las­sen sich die Wer­ke dop­pelt lesen. Tech­nisch ver­wei­sen sie auf Zyklen von Sys­tem­last, Über­hit­zung und Neu­start. Gesell­schaft­lich the­ma­ti­sie­ren sie Macht­ver­hält­nis­se: Struk­tu­ren, die sich ver­brau­chen, ihre eige­nen Spu­ren schred­dern und den­noch die Bedin­gun­gen für Neu­es schaf­fen. Das Abwärts ist kein End­punkt, son­dern eine Pha­se im Kreis­lauf – ein Moment, in dem Schei­tern pro­duk­tiv wird.

Ortsspezifische Resonanz

Die Plat­zie­rung der Arbei­ten hin­ter dem Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter ist dabei alles ande­re als zufäl­lig. Das POC arbei­tet selbst nach agi­len Prin­zi­pi­en: in kur­zen Zyklen, mit kla­ren Rol­len, ite­ra­ti­ven Pro­zes­sen und dem per­ma­nen­ten Umgang mit Aus­fäl­len, Stö­run­gen und uner­war­te­ten Ereig­nis­sen. Genau hier tref­fen die Arbei­ten auf ihre funk­tio­na­le Ent­spre­chung. Dort, wo Kom­mu­ni­ka­ti­on orga­ni­siert, Sys­te­me sta­bi­li­siert und Pro­ble­me im lau­fen­den Betrieb gelöst wer­den, visua­li­sie­ren Abwärts – Sprint 101 und 102 die Kehr­sei­te die­ser Logi­ken: den Ver­brauch von Res­sour­cen, die Erschöp­fung von Auf­merk­sam­keit und die Fra­gi­li­tät opti­mier­ter Sys­te­me. Die Arbei­ten ste­hen nicht im Wider­spruch zur Funk­ti­on des Ortes, son­dern spie­geln sie. Sie machen sicht­bar, dass auch agi­le Pro­zes­se Zyklen des Abbaus, der Erneue­rung und des Neu­starts durch­lau­fen – und dass Schei­tern kein Aus­nah­me­zu­stand ist, son­dern inte­gra­ler Bestand­teil funk­tio­nie­ren­der Systeme.

Als ers­te öffent­li­che Prä­sen­ta­ti­on mar­kie­ren Abwärts – Sprint 101 und 102 einen Auf­takt. Sie ver­ste­hen sich als Teil einer fort­lau­fen­den Serie des Künst­lers, die Zyklen von Beschleu­ni­gung, Ver­brauch und Erneue­rung wei­ter unter­su­chen wird. Auf dem 39C3 wer­den sie zu visu­el­len Denk­mo­del­len: für tech­ni­sche Power Cycles eben­so wie für gesell­schaft­li­che Machtverschiebungen.

Wer auf Ebe­ne 1 inne­hält, fin­det hier kei­ne lau­te Erklä­rung, son­dern eine Ein­la­dung zur Refle­xi­on. Zwi­schen Schred­der­gut und Son­nen­blu­men ver­dich­tet sich eine Erkennt­nis, die zum Con­gress passt: Sys­te­me enden nicht – sie ver­wan­deln sich.


Downwards in the Cycle – An Artistic Interpretation of the 39C3 Motto

On Level 1 of the 39th Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gress, behind the Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter, visi­tors encoun­ter two works that quiet­ly yet insis­t­ent­ly embed them­sel­ves in the dis­cour­se of the event: Down­wards – Sprint 101 and Down­wards – Sprint 102. Both works were crea­ted spe­ci­fi­cal­ly for the 39C3 and are being shown publicly for the first time. They inter­pret this year’s mot­to Power Cycles—technically as well as socially—through a pre­cise, material-based visu­al language.

Materialized Burndowns

Both works are con­cei­ved as relief-like col­la­ges on a dark ground. A slo­ping mass of shred­ded paper domi­na­tes the pic­to­ri­al space. What once car­ri­ed infor­ma­ti­on, iden­ti­ty, and order now lies fragmented—condensed into a dia­go­nal that ine­vi­ta­b­ly leads down­ward. The form recalls burn­down charts from agi­le work con­texts: visua­liza­ti­ons of con­sump­ti­on, pro­gress, and exhaus­ti­on. In this rea­ding, the works beco­me images of sys­te­mic depletion—of ener­gy, atten­ti­on, and meaning.

Growth from the Remainder

From the shred­ded rem­nants, orga­nic ele­ments emer­ge: in Sprint 101, deli­ca­te stalks of grain; in Sprint 102, two sun­flowers. They appear fra­gi­le yet per­sis­tent. Their growth from the des­troy­ed mate­ri­al does not mark a simp­le coun­ter­point, but rather a cycle: decay enables rege­ne­ra­ti­on. The works thus nego­tia­te a cen­tral idea of Power Cycles—that restart, reset, and rene­wal do not occur out­side the sys­tem, but ari­se from its remnants.

Within the con­text of the 39C3, the works can be read on two levels. Tech­ni­cal­ly, they refer to cycles of sys­tem load, over­hea­ting, and reboot. Soci­al­ly, they address power rela­ti­ons: struc­tures that exhaust them­sel­ves, shred their own traces, and yet still crea­te the con­di­ti­ons for some­thing new to emer­ge. Down­wards is not an end­point, but a pha­se within a cycle—a moment in which fail­ure beco­mes productive.

Site-Specific Resonance

The pla­ce­ment of the works behind the Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter is any­thing but inci­den­tal. The POC its­elf ope­ra­tes accor­ding to agi­le prin­ci­ples: in short cycles, with cle­ar­ly defi­ned roles, ite­ra­ti­ve pro­ces­ses, and con­stant enga­ge­ment with fail­ures, dis­rup­ti­ons, and unfo­re­seen events. It is pre­cis­e­ly here that the works encoun­ter their func­tion­al coun­ter­part. Whe­re com­mu­ni­ca­ti­on is orga­ni­zed, sys­tems sta­bi­li­zed, and pro­blems resol­ved in real time, Down­wards – Sprint 101 and 102 visua­li­ze the rever­se side of the­se logics: the con­sump­ti­on of resour­ces, the exhaus­ti­on of atten­ti­on, and the fra­gi­li­ty of opti­mi­zed sys­tems. The works do not stand in oppo­si­ti­on to the func­tion of the space; they mir­ror it. They make visi­ble that agi­le pro­ces­ses, too, pass through cycles of break­down, rene­wal, and restart—and that fail­ure is not an excep­tio­nal sta­te, but an inte­gral com­po­nent of func­tio­ning systems.

As their first public pre­sen­ta­ti­on, Down­wards – Sprint 101 and 102 mark a begin­ning. They are con­cei­ved as part of an ongo­ing series by the artist that will con­ti­nue to explo­re cycles of acce­le­ra­ti­on, con­sump­ti­on, and rene­wal. At the 39C3, they func­tion as visu­al models of thought: for tech­ni­cal power cycles as well as for shifts in social power.

Tho­se who pau­se on Level 1 will not find a loud expl­ana­ti­on, but an invi­ta­ti­on to reflect. Bet­ween shred­ded paper and sun­flowers, an insight con­den­ses that reso­na­tes with the Con­gress its­elf: sys­tems do not end—they transform.

Posted in Ausstellung, Collage, Malerei

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