Triumph der Unkorrigierbarkeit – Tag Eins

Nach der Ver­nis­sa­ge klin­gelt um sechs der Wecker – das Auto muss in die Werk­statt. Aus „nur Brems­be­lä­ge“ wer­den Ser­vo­pum­pe, Brems­schei­ben mit Hitz­ris­sen, Ben­zin­fil­ter und der Wunsch, ein Organ zu ver­kau­fen.

Mein Arbeits­platz steht gera­de in der Kunst­aus­stel­lung POSITION.2026 in der Fabrik der Küns­te in Ham­burg. Ich sit­ze jeden Tag dort in der Instal­la­ti­on „Tri­umph der Unkor­ri­gier­bar­keit“ und schrei­be einen Text. Dies ist der Text vom 25.09.2026.

TAG EINS

Ges­tern war die Eröff­nung, vol­les Haus, sehr schö­ne Gesprä­che. 15 Minu­ten vor Schlie­ßung um 22:00 Uhr kam Freund G. noch vor­bei. Wir gin­gen noch ein­mal schnell durch die zwei Eta­gen und fach­sim­pel­ten über die Kunst. G. war beein­druckt von der Band­brei­te und Qua­li­tät der Arbei­ten. Es wäre ja auch echt tra­gisch, wenn von den Neu­zu­gän­gen des Berufs­ver­ban­des bil­den­der Künst­ler der letz­ten zwei Jah­re so gar nichts Anspre­chen­des her­aus­kommt. Wir haben uns dann auf den Weg zum Schan­zen­vö­ner gemacht. Das V in Vöner kommt übri­gens nicht, wie vie­le den­ken, von Vleisch, son­dern von Vegan. An der Als­ter war irgend­ein Poli­zei­ein­satz, Hub­schrau­ber flo­gen rum und wir brauch­ten statt der geplan­ten 12 irgend­wie 34 Minu­ten. Hät­ten wir auch nach Cott­bus zum Essen fah­ren kön­nen. Ehe ich dann wie­der in der Künstler-WG war, war es zwölf, dann noch Kurz­dis­kus­si­on in der Küche und als ich im Bett war, war es kurz nach eins.

Der Wecker klin­gel­te um sechs, weil ich mein Auto zur Werk­statt brin­gen muss­te. „Ja, wir fan­gen hier um sie­ben an“, hat­te ich den Werk­statt­meis­ter im Ohr. „Wenn das fer­tig wer­den soll, müs­sen Sie es gleich früh brin­gen.“ Ich roll­te mit den Augen und bestä­tig­te. Das habe ich jetzt davon. Ich stand auf und schlurf­te im Zombie-Modus los. Ich war pünkt­lich da und wir schau­ten uns alles gemein­sam an. Eigent­lich woll­te ich nur die Brems­be­lä­ge vorn wech­seln las­sen. Dann fiel mir ein, die Ser­vo­pum­pe macht schon seit lan­ger Zeit komi­sche Geräu­sche. Wir schau­ten nach und da lief auch schon das Öl raus. Top, also gleich mit­ma­chen. Dann noch nach den Brem­sen geschaut, ja, die sind wirk­lich run­ter. Aber was ist das da auf den Schei­ben? Das sind Hitz­ris­se, die müs­sen wir mit­ma­chen, na super. Wie die Hitz­ris­se in die Schei­ben kom­men, schrei­be ich viel­leicht mor­gen. Dann noch Ben­zin­fil­ter, Brems­flüs­sig­keit und Zünd­ker­zen. Ich glau­be, ich muss ein Organ, idea­ler­wei­se ein nach­wach­sen­des, ver­kau­fen, um das Auto nächs­te Woche aus­zu­lö­sen. Mein Opa hat immer gesagt, Auto fängt mit A an und hört mit o auf. Hat­te ich als Kind natür­lich nicht ver­stan­den. Mir fällt dazu nur ein: Sagt ein Arzt zum Künst­ler: „Sie haben lei­der nur noch 6 Mona­te zu leben.“ Sagt der Künst­ler: „Ja, aber wovon denn?“

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Triumph der Unkorrigierbarkeit

„Tri­umph der Unkor­ri­gier­bar­keit“ ist eine Instal­la­ti­on und Per­for­mance, die wäh­rend der Aus­stel­lung POSITION.2026 in der Fabrik der Küns­te in Ham­burg ent­steht. Ein Schreib­tisch, ein Stuhl, eine mecha­ni­sche Schreib­ma­schi­ne, Papier und fri­sche Blu­men bil­den einen Arbeits­platz, der zunächst aus der Zeit gefal­len wirkt. Er braucht weder Strom noch Inter­net. Wäh­rend der Per­for­man­ces neh­me ich dort Platz und schrei­be auf einer Tri­umph Juni­or 12 jeweils einen Text.

Ich schrei­be ohne Ent­wurf und ohne nach­träg­li­che Bear­bei­tung. Es wird nichts gelöscht, über­klebt oder neu aus­ge­druckt. Auch Tipp­feh­ler, unvoll­kom­me­ne For­mu­lie­run­gen, Unsi­cher­hei­ten und Ent­schei­dun­gen blei­ben auf dem Papier. Was geschrie­ben ist, bleibt geschrie­ben. Die Tex­te ent­ste­hen öffent­lich und unter den Bedin­gun­gen des jewei­li­gen Augen­blicks. Nie­mand weiß vor­her, wohin sie sich ent­wi­ckeln wer­den – ich selbst auch nicht.

Das ist die sicht­ba­re und zunächst offen­sicht­li­che Ebe­ne der Arbeit: das ana­lo­ge Schrei­ben ohne Rückgängig-Taste. Es steht einer digi­ta­len Gegen­wart gegen­über, in der nahe­zu alles nach­träg­lich ver­än­dert, opti­miert oder kor­ri­giert wer­den kann. Digi­ta­le Tex­te las­sen sich belie­big oft über­ar­bei­ten. Frü­he­re Fas­sun­gen ver­schwin­den, Feh­ler wer­den besei­tigt und Ent­schei­dun­gen zurück­ge­nom­men. Auf der Schreib­ma­schi­ne bleibt dage­gen jeder Anschlag Teil des Ergebnisses.

Der Titel ist zugleich ein Wort­spiel. Die Maschi­ne, auf der die Tex­te ent­ste­hen, ist eine Tri­umph Juni­or 12. „Tri­umph“ bezeich­net daher nicht nur einen mög­li­chen Sieg über das Unkor­ri­gier­ba­re, son­dern auch das kon­kre­te Werk­zeug der Arbeit. Die Maschi­ne trägt den Tri­umph bereits in ihrem Namen. Indem sie etwas her­vor­bringt, das inner­halb die­ser Arbeit nicht mehr kor­ri­giert wird, ver­bin­det sie die mate­ri­el­le und die inhalt­li­che Ebe­ne der Installation.

Mich inter­es­siert die Ver­bind­lich­keit, die durch das Medi­um ent­steht. Jeder Anschlag ver­langt eine Ent­schei­dung. Die­se Ent­schei­dung muss nicht rich­tig sein, aber sie lässt sich inner­halb der selbst gesetz­ten Regeln nicht zurück­neh­men. Das Geschrie­be­ne bewahrt nicht nur den Text, son­dern auch den Weg, auf dem er ent­stan­den ist. Ein Satz muss mit dem wei­ter­ar­bei­ten, was bereits auf dem Blatt steht. So wird das Schrei­ben selbst zu einer Übung im Umgang mit dem Unkorrigierbaren.

Zu der Instal­la­ti­on gehö­ren fri­sche Blu­men. Auch sie tra­gen etwas Unkor­ri­gier­ba­res in sich: Sie wer­den wäh­rend der Aus­stel­lung wel­ken. Ihre Ver­gäng­lich­keit lässt sich nicht auf­hal­ten. Ich kann jedoch auf sie reagie­ren, indem ich sie regel­mä­ßig aus­tau­sche. Dar­in liegt eine wei­te­re Ebe­ne der Arbeit. Man­ches kön­nen wir ver­än­dern, man­ches nicht. Man­ches müs­sen wir anneh­men, auf ande­res kön­nen wir antworten.

Die Blu­men und die Tex­te ver­hal­ten sich dabei unter­schied­lich. Das ein­mal beschrie­be­ne Papier bewahrt die Spu­ren sei­ner Ent­ste­hung. Die Blu­men ver­än­dern sich von selbst. Indem ich ver­welk­te Blu­men durch fri­sche erset­ze, mache ich ihre Ver­gäng­lich­keit nicht rück­gän­gig. Ich ent­schei­de ledig­lich, wie ich mit ihr umgehe.

Bei­des gehört zur glei­chen Fra­ge: Was ist gege­ben, was lässt sich gestal­ten, und wie gehen wir mit dem Unter­schied um? Das eine vom ande­ren zu unter­schei­den, ist eine Kunst im Leben. An die­sem Punkt schließt sich der Kreis zwi­schen dem Inhalt der Arbeit und der Kunst selbst.

Auf einer tie­fe­ren Ebe­ne han­delt „Tri­umph der Unkor­ri­gier­bar­keit“ von den Din­gen, die wir in uns und um uns vor­fin­den. Jeder Mensch lebt mit Erfah­run­gen, Eigen­schaf­ten, Ent­schei­dun­gen, Ver­lus­ten oder Ver­let­zun­gen, die sich nicht ein­fach aus der eige­nen Geschich­te löschen las­sen. Manch­mal stellt sich des­halb die Fra­ge, wie wir damit leben kön­nen. Ler­nen wir, damit umzu­ge­hen und viel­leicht sogar dar­über zu tri­um­phie­ren? Oder schei­tern und zer­bre­chen wir daran?

Der Tri­umph liegt für mich dar­in, das Unver­än­der­li­che als Teil der eige­nen Wirk­lich­keit anzu­er­ken­nen, ohne ihm die voll­stän­di­ge Kon­trol­le über das wei­te­re Leben zu über­las­sen. Ein Feh­ler bleibt ein Feh­ler. Eine Erfah­rung bleibt gesche­hen. Trotz­dem ist das, was danach kommt, nicht voll­stän­dig fest­ge­legt. Auch nach einem fal­schen Anschlag kann ich weiterschreiben.

Für mich ist die Arbeit auch eine per­sön­li­che Meta­pher. Sie bezieht sich auf mein ver­gan­ge­nes Leben, die kon­ti­nu­ier­li­che Arbeit an mir selbst und dar­auf, wo ich heu­te ste­he. Es gibt Din­ge, die ich nicht kor­ri­gie­ren kann. Ich kann mei­ne Geschich­te nicht neu schrei­ben, als wäre sie nie gesche­hen. Ich kann aber ler­nen, anders mit ihr umzu­ge­hen. Was sich ver­än­dert, ist mein Blick auf das Ver­gan­ge­ne und die Art, wie ich damit weiterlebe.

Die­se per­sön­li­che Bedeu­tung legt die Arbeit jedoch nicht für ande­re fest. Jede Per­son bringt eige­ne Erfah­run­gen mit dem Unkor­ri­gier­ba­ren mit. Für man­che kann es um eine Ent­schei­dung gehen, für ande­re um Krank­heit, Ver­lust, Her­kunft, Bezie­hun­gen, das Älter­wer­den oder die eige­ne Bio­gra­fie. Die kon­kre­te Bedeu­tung bleibt indi­vi­du­ell. Die gemein­sa­me Erfah­rung besteht dar­in, dass nie­mand aus­schließ­lich unter selbst gewähl­ten und jeder­zeit ver­än­der­ba­ren Bedin­gun­gen lebt.

Nach jeder Per­for­mance ver­lässt der Text den ana­lo­gen Raum. Ich digi­ta­li­sie­re ihn und ver­öf­fent­li­che ihn auf Insta­gram und Mast­o­don. Damit kehrt das Unkor­ri­gier­ba­re in eine Umge­bung zurück, in der Inhal­te nor­ma­ler­wei­se jeder­zeit bear­bei­tet wer­den kön­nen. Die digi­ta­le Ver­öf­fent­li­chung hebt die Regel der Per­for­mance jedoch nicht auf. Ver­öf­fent­licht wird der Text so, wie er auf der Schreib­ma­schi­ne ent­stan­den ist, ein­schließ­lich sei­ner Feh­ler und sicht­ba­ren Entscheidungen.

Die­ser Medi­en­wech­sel gehört wesent­lich zur Arbeit. Der ana­lo­ge Text bleibt als ein­zel­nes Blatt erhal­ten, wäh­rend sei­ne digi­ta­le Abbil­dung ver­viel­fäl­tigt, geteilt und auf ver­schie­de­nen Bild­schir­men betrach­tet wer­den kann. Das Ori­gi­nal trägt die mate­ri­el­len Spu­ren des Schrei­bens. Sei­ne digi­ta­le Abbil­dung kann sich ver­brei­ten und neue Zusam­men­hän­ge errei­chen. So ver­bin­det die Arbeit den kör­per­li­chen Vor­gang des Tip­pens mit der Öffent­lich­keit sozia­ler Medi­en. Auch Men­schen, die nicht nach Ham­burg kom­men kön­nen, kön­nen die ent­ste­hen­den Tex­te verfolgen.

Fotos und Tex­te wer­den außer­dem nach und nach hier im Blog ver­öf­fent­licht. Ein spä­ter erschei­nen­der Kata­log wird die Arbeit eben­falls doku­men­tie­ren. So bleibt sie auch über die Dau­er der Aus­stel­lung hin­aus zugänglich.

Der Aus­stel­lungs­raum ver­än­dert zugleich die Bedeu­tung des Arbeits­plat­zes. Schreib­tisch und Schreib­ma­schi­ne könn­ten zunächst wie eine Auf­for­de­rung wir­ken, sich zu set­zen und selbst zu schrei­ben. Die Instal­la­ti­on soll jedoch nicht berührt wer­den. Wäh­rend der Per­for­mance wird an die­sem Arbeits­platz tat­säch­lich gear­bei­tet. Außer­halb die­ser Zei­ten blei­ben die Maschi­ne, die Blu­men und die ent­stan­de­nen Tex­te als Spu­ren eines Arbeits­pro­zes­ses zurück. Mein Arbeits­platz ist jetzt Kunst.

Jedes wäh­rend der Aus­stel­lung ent­stan­de­ne Blatt bil­det zugleich ein eigen­stän­di­ges Werk. Die Tex­te wer­den auf der Rück­sei­te signiert und datiert und kön­nen erwor­ben wer­den. Der Zeit­punkt ihrer Ent­ste­hung bleibt dadurch dau­er­haft mit ihnen ver­bun­den. Was im Ver­lauf einer öffent­li­chen Per­for­mance geschrie­ben wur­de, kann die Aus­stel­lung als ein­ma­li­ges Ori­gi­nal verlassen.

Die Ausstellung

„Tri­umph der Unkor­ri­gier­bar­keit“ wird im Rah­men von POSITION.2026 gezeigt. POSITION. Aus­stel­lung und Forum ist eine Ver­an­stal­tungs­rei­he des Berufs­ver­bands bil­den­der Künstler*innen Ham­burg. Die jähr­li­che Aus­stel­lung prä­sen­tiert Arbei­ten der neu auf­ge­nom­me­nen Mit­glie­der. Dabei tref­fen unter­schied­li­che Medi­en und künst­le­ri­sche Ansät­ze auf­ein­an­der: Zeich­nung, Col­la­ge, Male­rei, Foto­gra­fie, Plas­tik, Skulp­tur, Instal­la­ti­on und Video.

Die Aus­stel­lung fin­det vom 24. Sep­tem­ber bis zum 4. Okto­ber 2026 in der Fabrik der Küns­te statt.

Fabrik der Küns­te
Kreuz­brook 12
20537 Ham­burg

Der Ein­tritt ist frei. Eine Anmel­dung ist nicht erforderlich.

Vernissage

Don­ners­tag, 24. Sep­tem­ber 2026, 18 bis 22 Uhr

Wäh­rend der Ver­nis­sa­ge ist kei­ne Per­for­mance vorgesehen.

Performances

  • Frei­tag, 25. Sep­tem­ber 2026, 18 Uhr
  • Sams­tag, 26. Sep­tem­ber 2026, 17 Uhr
  • Sonn­tag, 27. Sep­tem­ber 2026, 15 Uhr
  • Mitt­woch, 30. Sep­tem­ber 2026, 18 Uhr
  • Don­ners­tag, 1. Okto­ber 2026, 18 Uhr
  • Frei­tag, 2. Okto­ber 2026, 18 Uhr
  • Sams­tag, 3. Okto­ber 2026, 17 Uhr

Bei jeder die­ser Per­for­man­ces ent­steht auf der Tri­umph Juni­or 12 ein neu­er Text ohne nach­träg­li­che Korrektur.

Finissage

Sonn­tag, 4. Okto­ber 2026, 13 bis 18 Uhr

Wäh­rend der Finis­sa­ge ist kei­ne wei­te­re Per­for­mance geplant. Zu die­sem Zeit­punkt lässt sich die Instal­la­ti­on mit den wäh­rend der Aus­stel­lung ent­stan­de­nen Spu­ren und Ver­än­de­run­gen ein letz­tes Mal sehen.

Öffnungszeiten

  • Mitt­woch bis Sams­tag, 14 bis 20 Uhr
  • Sonn­tag, 12 bis 18 Uhr
  • Mon­tag und Diens­tag geschlossen

Für die Ver­nis­sa­ge gel­ten die oben genann­ten geson­der­ten Zeiten.

Die Fabrik der Küns­te ist unter ande­rem mit dem Bus 112 sowie mit dem Bus 312 vom Ber­li­ner Tor bis zur Hal­te­stel­le Luisenweg/Süderstraße erreichbar.

Die wäh­rend der Aus­stel­lung ent­ste­hen­den Tex­te ver­öf­fent­li­che ich auf Insta­gram und Mast­o­don. Fotos und Tex­te wer­den außer­dem nach und nach hier im Blog sowie in einem spä­ter erschei­nen­den Kata­log zu sehen und zu lesen sein.

Insta­gram: https://​www​.insta​gram​.com/​k​a​m​b​o​r​.​w​i​e​s​e​n​b​e​rg/
Mast­o­don: https://​cha​os​.social/​@st

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Abwärts im Kreislauf – Eine künstlerische Interpretation des 39C3-Mottos

Auf Ebe­ne 1 des 39. Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gress, hin­ter dem Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter, begeg­nen Besucher:innen zwei Arbei­ten, die sich lei­se, aber ein­dring­lich in den Dis­kurs der Ver­an­stal­tung ein­bet­ten: Abwärts – Sprint 101 und Abwärts – Sprint 102. Bei­de Wer­ke sind eigens für den 39C3 ent­stan­den und wer­den hier erst­mals öffent­lich gezeigt. Sie inter­pre­tie­ren das dies­jäh­ri­ge Mot­to Power Cycles – tech­nisch wie gesell­schaft­lich – in einer prä­zi­sen, mate­ri­al­ba­sier­ten Bildsprache.

Materialisierte Burndowns

Bei­de Arbei­ten sind als reli­ef­ar­ti­ge Col­la­gen auf dunk­lem Grund ange­legt. Eine schräg abfal­len­de Mas­se aus geschred­der­tem Papier domi­niert die Bild­flä­che. Was einst Infor­ma­ti­on, Iden­ti­tät und Ord­nung trug, liegt nun frag­men­tiert vor – ver­dich­tet zu einer Dia­go­na­le, die unwei­ger­lich nach unten führt. Die Form erin­nert an Burndown-Diagramme aus agi­len Arbeits­kon­tex­ten: Visua­li­sie­run­gen von Ver­brauch, Fort­schritt und Erschöp­fung. In die­sem Zusam­men­hang wer­den die Arbei­ten zu Bil­dern des sys­te­mi­schen Abtrags – von Ener­gie, Auf­merk­sam­keit und Bedeutung.

Wachstum aus dem Rest

Aus den geschred­der­ten Frag­men­ten wach­sen orga­ni­sche Ele­men­te: In Sprint 101 sind es fili­gra­ne Getrei­de­hal­me, in Sprint 102 zwei Son­nen­blu­men. Sie wir­ken fra­gil und zugleich beharr­lich. Ihr Wachs­tum aus dem zer­stör­ten Mate­ri­al mar­kiert kei­nen ein­fa­chen Gegen­pol, son­dern einen Zyklus: Zer­fall ermög­licht Rege­ne­ra­ti­on. Die Arbei­ten ver­han­deln damit einen zen­tra­len Gedan­ken von Power Cycles – dass Neu­start, Reset und Erneue­rung nicht außer­halb des Sys­tems statt­fin­den, son­dern aus sei­nen Res­ten hervorgehen.

Im Kon­text des 39C3 las­sen sich die Wer­ke dop­pelt lesen. Tech­nisch ver­wei­sen sie auf Zyklen von Sys­tem­last, Über­hit­zung und Neu­start. Gesell­schaft­lich the­ma­ti­sie­ren sie Macht­ver­hält­nis­se: Struk­tu­ren, die sich ver­brau­chen, ihre eige­nen Spu­ren schred­dern und den­noch die Bedin­gun­gen für Neu­es schaf­fen. Das Abwärts ist kein End­punkt, son­dern eine Pha­se im Kreis­lauf – ein Moment, in dem Schei­tern pro­duk­tiv wird.

Ortsspezifische Resonanz

Die Plat­zie­rung der Arbei­ten hin­ter dem Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter ist dabei alles ande­re als zufäl­lig. Das POC arbei­tet selbst nach agi­len Prin­zi­pi­en: in kur­zen Zyklen, mit kla­ren Rol­len, ite­ra­ti­ven Pro­zes­sen und dem per­ma­nen­ten Umgang mit Aus­fäl­len, Stö­run­gen und uner­war­te­ten Ereig­nis­sen. Genau hier tref­fen die Arbei­ten auf ihre funk­tio­na­le Ent­spre­chung. Dort, wo Kom­mu­ni­ka­ti­on orga­ni­siert, Sys­te­me sta­bi­li­siert und Pro­ble­me im lau­fen­den Betrieb gelöst wer­den, visua­li­sie­ren Abwärts – Sprint 101 und 102 die Kehr­sei­te die­ser Logi­ken: den Ver­brauch von Res­sour­cen, die Erschöp­fung von Auf­merk­sam­keit und die Fra­gi­li­tät opti­mier­ter Sys­te­me. Die Arbei­ten ste­hen nicht im Wider­spruch zur Funk­ti­on des Ortes, son­dern spie­geln sie. Sie machen sicht­bar, dass auch agi­le Pro­zes­se Zyklen des Abbaus, der Erneue­rung und des Neu­starts durch­lau­fen – und dass Schei­tern kein Aus­nah­me­zu­stand ist, son­dern inte­gra­ler Bestand­teil funk­tio­nie­ren­der Systeme.

Als ers­te öffent­li­che Prä­sen­ta­ti­on mar­kie­ren Abwärts – Sprint 101 und 102 einen Auf­takt. Sie ver­ste­hen sich als Teil einer fort­lau­fen­den Serie des Künst­lers, die Zyklen von Beschleu­ni­gung, Ver­brauch und Erneue­rung wei­ter unter­su­chen wird. Auf dem 39C3 wer­den sie zu visu­el­len Denk­mo­del­len: für tech­ni­sche Power Cycles eben­so wie für gesell­schaft­li­che Machtverschiebungen.

Wer auf Ebe­ne 1 inne­hält, fin­det hier kei­ne lau­te Erklä­rung, son­dern eine Ein­la­dung zur Refle­xi­on. Zwi­schen Schred­der­gut und Son­nen­blu­men ver­dich­tet sich eine Erkennt­nis, die zum Con­gress passt: Sys­te­me enden nicht – sie ver­wan­deln sich.


Downwards in the Cycle – An Artistic Interpretation of the 39C3 Motto

On Level 1 of the 39th Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gress, behind the Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter, visi­tors encoun­ter two works that quiet­ly yet insis­t­ent­ly embed them­sel­ves in the dis­cour­se of the event: Down­wards – Sprint 101 and Down­wards – Sprint 102. Both works were crea­ted spe­ci­fi­cal­ly for the 39C3 and are being shown publicly for the first time. They inter­pret this year’s mot­to Power Cycles—technically as well as socially—through a pre­cise, material-based visu­al language.

Materialized Burndowns

Both works are con­cei­ved as relief-like col­la­ges on a dark ground. A slo­ping mass of shred­ded paper domi­na­tes the pic­to­ri­al space. What once car­ri­ed infor­ma­ti­on, iden­ti­ty, and order now lies fragmented—condensed into a dia­go­nal that ine­vi­ta­b­ly leads down­ward. The form recalls burn­down charts from agi­le work con­texts: visua­liza­ti­ons of con­sump­ti­on, pro­gress, and exhaus­ti­on. In this rea­ding, the works beco­me images of sys­te­mic depletion—of ener­gy, atten­ti­on, and meaning.

Growth from the Remainder

From the shred­ded rem­nants, orga­nic ele­ments emer­ge: in Sprint 101, deli­ca­te stalks of grain; in Sprint 102, two sun­flowers. They appear fra­gi­le yet per­sis­tent. Their growth from the des­troy­ed mate­ri­al does not mark a simp­le coun­ter­point, but rather a cycle: decay enables rege­ne­ra­ti­on. The works thus nego­tia­te a cen­tral idea of Power Cycles—that restart, reset, and rene­wal do not occur out­side the sys­tem, but ari­se from its remnants.

Within the con­text of the 39C3, the works can be read on two levels. Tech­ni­cal­ly, they refer to cycles of sys­tem load, over­hea­ting, and reboot. Soci­al­ly, they address power rela­ti­ons: struc­tures that exhaust them­sel­ves, shred their own traces, and yet still crea­te the con­di­ti­ons for some­thing new to emer­ge. Down­wards is not an end­point, but a pha­se within a cycle—a moment in which fail­ure beco­mes productive.

Site-Specific Resonance

The pla­ce­ment of the works behind the Pho­ne Ope­ra­ti­on Cen­ter is any­thing but inci­den­tal. The POC its­elf ope­ra­tes accor­ding to agi­le prin­ci­ples: in short cycles, with cle­ar­ly defi­ned roles, ite­ra­ti­ve pro­ces­ses, and con­stant enga­ge­ment with fail­ures, dis­rup­ti­ons, and unfo­re­seen events. It is pre­cis­e­ly here that the works encoun­ter their func­tion­al coun­ter­part. Whe­re com­mu­ni­ca­ti­on is orga­ni­zed, sys­tems sta­bi­li­zed, and pro­blems resol­ved in real time, Down­wards – Sprint 101 and 102 visua­li­ze the rever­se side of the­se logics: the con­sump­ti­on of resour­ces, the exhaus­ti­on of atten­ti­on, and the fra­gi­li­ty of opti­mi­zed sys­tems. The works do not stand in oppo­si­ti­on to the func­tion of the space; they mir­ror it. They make visi­ble that agi­le pro­ces­ses, too, pass through cycles of break­down, rene­wal, and restart—and that fail­ure is not an excep­tio­nal sta­te, but an inte­gral com­po­nent of func­tio­ning systems.

As their first public pre­sen­ta­ti­on, Down­wards – Sprint 101 and 102 mark a begin­ning. They are con­cei­ved as part of an ongo­ing series by the artist that will con­ti­nue to explo­re cycles of acce­le­ra­ti­on, con­sump­ti­on, and rene­wal. At the 39C3, they func­tion as visu­al models of thought: for tech­ni­cal power cycles as well as for shifts in social power.

Tho­se who pau­se on Level 1 will not find a loud expl­ana­ti­on, but an invi­ta­ti­on to reflect. Bet­ween shred­ded paper and sun­flowers, an insight con­den­ses that reso­na­tes with the Con­gress its­elf: sys­tems do not end—they transform.

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Raffiniert chiffriert.

Raf­fi­niert chif­friert. Jetzt has­te Arbeit. (ST Kambor-Wiesenberg, 2022 – 2024)

Der Ver­de­ner Kunst­preis 2024 steht unter dem Mot­to „Dechif­frie­ren“. Vom 30. Sep­tem­ber bis 15. Novem­ber 2024 wer­den in der Aus­stel­lung zir­ka 60 Posi­tio­nen von Künstler:innen zu die­sem The­ma im Rat­haus Ver­den gezeigt. Aus­ge­stellt ist unter ande­rem ein Tri­pty­chon mit dem Titel: “Raf­fi­niert chif­friert. Jetzt has­te Arbeit.”

Es sind drei Bil­der mit geschred­der­tem Mate­ri­al auf Lein­wand (50 cm x 50 cm), mit Acryl­far­be unter­schied­lich kolo­riert, in Schat­ten­fu­gen­rah­men. Die Bil­der ste­hen bei­spiel­haft für zeit­ge­schicht­li­che Ereig­nis­se, bei denen nur ein­zel­ne Men­schen die Wahr­heit ken­nen oder inzwi­schen nie­mand mehr. Da die Infor­ma­tio­nen der All­ge­mein­heit unzu­gäng­lich sind oder zer­stört wur­den, hat die Nach­welt das Pro­blem, die übrig geblie­be­nen Frag­men­te zu dechif­frie­ren. Die Kom­po­si­ti­on der Wer­ke ist inspi­riert durch die Ver­gess­lich­keit des aktu­el­len Bun­des­kanz­lers der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, der vor dem Cum-Ex-Untersuchungsausschuss 2022 angab, bei wich­ti­gen Details Gedächt­nis­lü­cken zu haben. Den Gedan­ken­ein­stieg exem­pla­ri­scher Ereig­nis­se erhält die Betrach­te­rin über die Titel der drei Teilwerke.

  1. Die unbe­kann­ten Parteispender*innen
    Par­tei­spen­den­skan­da­le gab es zahl­rei­che, ans Licht kamen bis­lang nur weni­ge. Die Far­be Schwarz sym­bo­li­siert den Bezug zur CDU-Spendenaffäre um den ehe­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl, der die Namen der Spender*innen letzt­end­lich mit ins Grab nahm.
    Stich­wort: Ehrenwort.
  2. Die Daten von Ursu­la von der Ley­ens Mobil­te­le­fon
    Die Daten des Mobil­te­le­fons der ehe­ma­li­gen Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin und 2024 wie­der­ge­wähl­ten Prä­si­den­tin der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on, wel­che im Rah­men eines Unter­su­chungs­aus­schus­ses um umstrit­te­ne Bera­ter­ver­trä­ge Auf­schluss geben soll­ten, wur­den ver­meint­lich aus Ver­se­hen gelöscht. Eben­so die Daten­si­che­run­gen. Da sich das Ver­hal­ten bereits 2019 bewährt hat, wie­der­hol­te sie dies 2022. Dies­mal ging es um Daten auf ihrem Mobil­te­le­fon, rund um den größ­ten Pharma-Deal der EU-Geschichte mit dem Kon­zern Pfi­zer.
    Stich­wort: Sicherheitslöschung.
  3. Die NSU-Akten
    Das Werk nimmt Bezug zum Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unter­grund (NSU) und der Auf­ar­bei­tung vom Lan­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz Hes­sen. Nach der Selbst­ent­tar­nung des NSU und den begin­nen­den Ermitt­lun­gen ließ ein Refe­rats­lei­ter des Bun­des­amts für Ver­fas­sungs­schutz die Akten von sie­ben V‑Leuten aus der Thü­rin­ger Neonazi-Szene unwi­der­ruf­lich ver­nich­ten. Wenn­gleich durch die ver­nich­te­ten Akten kein Bezug zu den ver­meint­li­chen Täter*innen her­ge­stellt wer­den konn­te, wur­den in den Berich­ten entro­pi­sche Arbeits­wei­sen des Ver­fas­sungs­schut­zes beleuch­tet. Zitat: “Aus dem Bereich der Aus­wer­tung konn­te der Ver­bleib von 541 Akten­stü­cken […] nicht geklärt wer­den.“
    Stich­wort: Deutsch­land ist nicht auf dem rech­ten Auge blind.

Die Wer­ke sind noch bis 15.11.2024 im Rat­haus Ver­den zu sehen. Öff­nungs­zei­ten des Ver­de­ner Rat­hau­ses: Mon­tag – Mitt­woch: 08:00 – 16:00 Uhr, Don­ners­tag: 08:00 – 18:00 Uhr, Frei­tag: 08:00 – 13:00 Uhr. Die Finis­sa­ge fin­det am 15.11. um 18:00 Uhr statt. In die­sem Rah­men wer­den auch der Jury­preis und der Publi­kums­preis bekannt gegeben.

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Everyone but Caspar!

Vom 01. bis 04. Febru­ar 2024 zeigt die Kunst­hal­le Nien­dorf in Ham­burg die inter­na­tio­na­le Grup­pen­aus­stel­lung Ever­yo­ne but Cas­par! Ich bin mit zwei Wer­ken ver­tre­ten und lade herz­lich zur Eröff­nung am 01. Febru­ar 2024 ein.

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Schlesinger Remix 81 #5

Gil Schlesinger - Werk aus der Serie Schlesinger 81 #5

Tag 5

Am mor­gen bin ich direkt nach dem Auf­ste­hen spa­zie­ren gegan­gen, es war herr­li­ches Wet­ter. In der Klein­gar­ten­an­la­ge habe ich mich fast ver­lau­fen. Ich war so fas­zi­niert von den unter­schied­li­chen Gär­ten. Man­che waren wie mit einem Line­al ange­legt und hat­ten sym­me­tri­sche Gemü­se­bee­te, ande­re sahen so aus, als ob sie sich selbst über­las­sen waren. Hier wusel­ten alle mög­li­chen Insek­ten her­um. Auch schön. Es gab so viel zu ent­de­cken, dass ich die Zeit total ver­gaß und wenn man sich in der Anla­ge nicht aus­kennt, dann kommt man sich vor wie in einem Laby­rinth. Es gibt ja kei­ne Beschil­de­rung der Wege, es sei denn jemand hat ein Schild, wie etwa Maiglöckchen- oder Rosen­weg an sei­ne Pfor­te oder sein Gar­ten­häuss­chen geschraubt. Im Schot­ter auf dem Geh­weg sind noch Über­res­te der Spiel­fel­der zu sehen, die die Kin­der in den letz­ten Tagen hin­ter­las­sen haben. Lang­sam mache ich mich auf den Weg zurück. Zum Glück habe ich kei­ne fixen Ter­mi­ne heu­te, aber an den Bil­dern will ich wei­ter arbeiten.

Fort­set­zung folgt.

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Schlesinger Remix 81 #4

Gil Schlesinger - Werk aus der Serie Schlesinger 81 #4

Tag 4

Heu­te bin ich früh auf­ge­stan­den und habe Rah­men für die neu­en Bil­der gebaut. Ich war einen Moment Unauf­merk­sam und viel­leicht auch etwas abge­lenkt von der Musik im Radio – by the rivers of Baby­lon, the­re we sat down – und zack habe ich ich mir mit dem Gum­mi­ham­mer voll auf den Fin­ger gehau­en. Von dem Nagel kann ich mich wohl ver­ab­schie­den. Nach dem Mit­tag­essen ging ich eine Run­de spa­zie­ren. Auf dem Weg zu den Fel­dern haben sie zwei Pap­peln gefällt, die schon eine Wei­le nicht mehr so gut aus­sa­hen. Pap­pel­rost, nichts mehr zu machen, sag­te einer der Män­ner, als ich fra­gend das Schau­spiel beob­ach­te­te. Bei der Vil­la am Weg, die schon seit Jah­ren unbe­wohnt ist, wur­den inzwi­schen die Fens­ter zuge­mau­ert. Scha­de, so ein schö­nes Haus. Da mein Fin­ger noch etwas schmerz­te ver­schob ich den Rah­men­bau auf spä­ter und wid­me­te mich dem Gar­ten­zaun. Der muss­te unbe­dingt mal wie­der gestri­chen wer­den. Abends beob­ach­te­te ich den Son­nen­un­ter­gang bei einem Glas Sie­pi den Raoul aus der Tos­ca­na mit­ge­bracht hatte.

Fort­set­zung folgt.

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Schlesinger Remix 81 #3

Gil Schlesinger - Werk aus der Serie Schlesinger 81 #3

Tag 3

Am Mor­gen waren Hand­wer­ker da und haben die fast durch­ge­ros­te­ten Rohr­ver­bin­dun­gen an den Was­ser­lei­tun­gen gewech­selt. Für ein paar Stun­den wur­de das Was­ser abge­stellt und es war infer­na­lisch laut. Die alten Ver­bin­dun­gen lie­ßen sich wohl nur mit einem Ham­mer lösen, zumin­dest hat es sich so ange­hört. Am Abend traf ich Raoul. Wir spra­chen über Gott und die Welt, über Frank­reich und das Leben im Alter. Wir dis­ku­tier­ten über die Male­rei und wie es damals bei der Docu­men­ta war. Im Prin­zip kann man in abs­trak­te Bil­der alles Mög­li­che hin­ein­in­ter­pre­tie­ren und an der Stel­le ähneln sich man­che unse­rer Arbei­ten, auch wenn wir uns nicht in allen Punk­ten einig sind. Abends konn­te ich nicht ein­schla­fen, weil der Was­ser­hahn tropfte.

Fort­set­zung folgt.

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Die Würde des Menschen

Artikel Eins (Baugerüst Edition)

Wenn ein Kunst­werk eine Reak­ti­on her­vor­ruft, dann fin­de ich das erst ein­mal gut. Ich unter­stel­le dann, dass sich die Person(en), wenigs­tens ein wenig, damit aus­ein­an­der­ge­setzt haben. Selbst ein „das gefällt mir nicht“ ist schon ein Anfang einer Aus­ein­an­der­set­zung, die ich mir als Künst­ler wünsche. 

Im Rah­men der Aus­stel­lung ver­GE­BENs wur­de die Instal­la­ti­on Arti­kel Eins vom 02.12.2021 bis 23.01.2022 in und vor der Gale­rie xpon-art in Ham­burg gezeigt. Der Titel der Aus­stel­lung pass­te in vie­len Dimen­sio­nen. Zum einen auf­grund der Geschich­te des Kunst­werks, zum ande­ren, weil wäh­rend der Lauf­zeit der xpon-art Aus­stel­lung ein Bau­ge­rüst in die Pro­jek­ti­ons­ach­se der Instal­la­ti­on gebaut wur­de und so der Arti­kel Eins lang­sam unles­bar wur­de. Dar­über hin­aus wur­de die Instal­la­ti­on vier­mal beschä­digt und letzt­end­lich zer­stört. Zwei­mal wur­de die Auf­hän­gung ver­bo­gen, ein­mal das Strom­ka­bel zer­stört und letzt­end­lich die kom­plet­te Optik abgerissen.

Im Rah­men der Kon­zep­ti­on und der Pro­duk­ti­on von Arti­kel Eins habe ich mich sehr inten­siv mit dem Grund­ge­setz, dem Arti­kel 1 selbst, der Ent­ste­hung und der Defi­ni­ti­on von Wür­de aus­ein­an­der­ge­setzt. Was ist Wür­de? Und war­um soll­te sie unan­tast­bar sein? Was pas­siert, wenn die Wür­de ange­tas­tet wird? Und war­um steht genau die­ser Satz an der Spit­ze des Rechts­sys­tems der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land? Was steht im Arti­kel 1 der Ver­fas­sun­gen von unse­ren Nach­bar­län­dern, der USA oder Chi­na? Die­se begin­nen mit sehr for­ma­len Defi­ni­tio­nen oder Regeln. Es geht oft ganz kon­kret um das Volk oder den geo­gra­fi­schen Bereich, den die jewei­li­ge Ver­fas­sung betrifft.

Unse­re Ver­fas­sung beginnt mit den Wor­ten: „Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar.“ Da steht nicht, die Wür­de des Deut­schen Vol­kes ist unan­tast­bar oder die Wür­de aller, die sich im geo­gra­fi­schen Gebiet von Deutsch­land auf­hal­ten, ist unan­tast­bar oder die Wür­de aller, die die deut­sche Staats­bür­ger­schaft haben, ist unan­tast­bar. Nein, da steht mit gro­ßer Absicht: Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar. Dar­über kann man mal einen Abend lang nachdenken. 

Eine mei­ner (selbst defi­nier­ten) Auf­ga­ben als Künst­ler ist es, der Gesell­schaft einen Spie­gel hin­zu­stel­len, hin­zu­hän­gen oder der Spie­gel zu sein und so zur Refle­xi­on zu ani­mie­ren. Sicher­lich kann ich den Spie­gel kaputt machen oder die Per­son ver­ur­tei­len oder ver­trei­ben, die den Spie­gel auf­ge­hängt hat. Das ändert aber nichts an der Situa­ti­on. Den Ansatz der Zer­stö­rung kann ich ver­ste­hen. Ich habe schon sehr vie­le Ten­nis­schlä­ger zer­stört, aber kein ein­zi­ger kaput­ter Schlä­ger hat mich zu einem bes­se­ren Ten­nis­spie­ler gemacht. Nur zu einem ärme­ren. Und genau­so wie mei­ne kaput­ten Schlä­ger in der Müll­ton­ne bin ich ahnungs­los, was ich an der Situa­ti­on hät­te ändern kön­nen. Die Zer­stö­rung selbst ist zwar Feed­back (Dau­men hoch), aber sehr schwer zu inter­pre­tie­ren (Dau­men runter).

Fin­det jemand das Kunst­werk häss­lich? Fin­det jemand den Arti­kel 1, das Grund­ge­setz oder mich blöd? Waren das Schwurbler:innnen oder Leu­te die dach­ten Schwurbler:innen instru­men­ta­li­sie­ren das Grund­ge­setz? Waren es Rech­te, Lin­ke oder Umweltschützer:innen, weil in der Wand irgend­wel­che Fle­der­mäu­se woh­nen? Waren das Impfgegner:innen oder Impfbefürworter:innen? Mich wür­de der Grund sehr inter­es­sie­ren. Das Arti­kel Eins vier­mal zufäl­lig zer­stört wur­de, hal­te ich für weni­ger wahr­schein­lich. Also, bit­te mel­de dich. Die Naddl & Ron­ny Hot­line ist noch immer aktiv und kann auch für Arti­kel Eins Hin­wei­se genutzt wer­den (0221 596198687).

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Artikel Eins

Artikel Eins

180 Tage

Vom 3. Juni bis 30.11.2021 pro­ji­zier­te ich jede Nacht von Son­nen­un­ter­gang bis 2:15 Uhr mor­gens den ers­ten Arti­kel des Grund­ge­set­zes an die gegen­über­lie­gen­de Gie­bel­sei­te des Hau­ses Königs­stra­ße 8 Rich­tung Nobis­tor auf dem Ham­bur­ger Kiez. Nur weni­ge Meter von der Ree­per­bahn ent­fernt. Ca. 10 x 9 Meter groß.

Wei­ter­le­sen ›
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