Nüchtern am Tag der Deutschen Einheit

Brandenburger Tor um 1969 (DDR Seite)

Vor 30 Jah­ren wur­de der Eini­gungs­ver­trag unter­schrie­ben. In die­sem wur­de die Auf­lö­sung der DDR, ihr Bei­tritt zur Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und die deut­sche Ein­heit beschlos­sen. In der DDR Volks­kam­mer stimm­ten 73 % und im Bun­des­tag 89 % der Abge­ord­ne­ten für die Unter­zeich­nung des Ver­tra­ges.1

Wir waren immer perfekt

Die­ses Jubi­lä­um führt und führ­te zu einem erhöh­ten auf­kom­men von Doku­men­ta­tio­nen, Fil­men, Inter­views, Bil­dern und Tex­ten in den Medi­en. Und wie schon in der Ver­gan­gen­heit oft bemerkt, fällt auf: Geschich­te hängt maß­geb­lich davon ab wer sie erzählt oder wer sie viel­leicht auch nicht erzählt. Es ist rich­tig, dass in Doku­men­ta­tio­nen viel­leicht Zeit­zeu­gen gehört wer­den, aber die Geschich­te wird vom Schnitt­raum und der Regie erzählt. Auch bei Doku­men­ta­tio­nen aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich muss man genau recher­chie­ren, wer da in die Kame­ra spricht und war­um. Steht jeman­dem der beim Fall der Mau­er zwei Jah­re alt war, die Aus­sa­ge zu, etwas in der DDR gelernt zu haben und Wer­te dar­aus mit­bringt? War­um bekom­men Per­so­nen die genau am 3. Okto­ber 1990 gebo­ren sind eine Büh­ne in einer Doku­men­ta­ti­on „Wir Ost­deut­sche”? Und ist das Schick­sal der Lei­te­rin der Konsum-Drogerie am Markt­platz wirk­lich so tra­gisch? „Wir waren eine super Konsum-Drogerie mit guten Ange­stell­ten, wir waren immer per­fekt, wir waren beliebt im gan­zen Umfeld.„2 Wo sind die Leu­te, die in der Konsum-Drogerie ein­ge­kauft haben? Wo sind die ganz durch­schnitt­li­chen Mit­ar­bei­ten­den vom VEB ABC und der LPG XYZ, die jeden Tag zur Arbeit gegan­gen sind und am Nach­mit­tag an der Kauf­hal­le vor­bei wie­der nach Hau­se? Wo sind die, die kei­ne beson­de­ren Lebens­we­ge hat­ten? Wo sind Leu­te wie die Kin­der von Golzow? Oder Men­schen die in Cott­bus im Zucht­haus oder in Bauz­ten II inhaf­tiert waren? Wo sind die, die etwas mit dem Staat zu tun hat­ten oder mit einem der 8.000 von der Treu­hand abge­wi­ckel­ten Betrie­be? Die Leu­te mit den ost­deut­schen Vor­zei­ge­le­bens­läu­fen in den Dokus, hat­ten alle — auch mit Pri­vat­in­sol­venz — mehr oder weni­ger Glück. So wie ich.

Passdeutsch

Ich bin an einem Ort auf­ge­wach­sen, der in den 1980er Jah­ren mit 12.000 Woh­nun­gen und fast 35.000 Ein­woh­nern als die größ­te Plat­ten­bau­sied­lung des Lan­des Bran­den­burg in die Geschich­te ein­ging. Am 9. Novem­ber 1989, als ich nachts in mei­nem Schlaf­an­zug aus mei­nem Zim­mer taps­te und ungläu­big Rich­tung Fern­se­her blick­te, weil mei­ne Mut­ter rief: „Ste­phan! Die Mau­er ist offen, sie haben die Gren­ze auf­ge­macht!” war ich 10 Jah­re alt. Ich brauch­te noch wei­te­re 10 Jah­re, bis unum­stöß­lich klar war, dass es in der Gegend, die ich bis dahin mei­ne Hei­mat genannt habe, wirk­lich kei­ne Zukunft für mich gab und mei­ne Sachen pack­te. Ich wur­de zum Grenz­gän­ger, ohne dass es phy­si­sche Gren­zen gab. Dass was mal Hei­mat war, ver­schwand. Zuerst die Kul­tur, dann die Men­schen, dann die Häu­ser, die Stra­ßen und dann die Erin­ne­run­gen. Nun, wei­te­re 20 Jah­re und vie­le Umzü­ge spä­ter gehö­re ich zu den Leu­ten, die nir­gend­wo hin­ge­hö­ren. Im Wes­ten bin ich der Ossi, im Osten der Wes­si. Genau wie Ayşe, Yaris und Ima­ni bin ich das was Rechts­po­pu­lis­ten abwer­tend pass­deutsch nen­nen. Wir sind alle hier gebo­ren, gehö­ren aber nicht dazu. Aber auch in die­ser Hin­sicht habe ich Glück gehabt, denn als wei­ßer Cis-Mann habe und hat­te ich im Ver­hält­nis zu ande­ren Men­schen wenig Dis­kri­mi­nie­rung aus­zu­hal­ten. Trotz­dem wün­sche ich allen Deut­schen die Erfah­rung von Cott­bus in Bran­den­burg nach Argen­bühl in Baden-Württemberg und von Frei­burg im Breis­gau nach Sach­sen zu zie­hen. Und es ist kaum zu glau­ben, wie oft die Fra­ge: Ost oder West? gestellt wird, wenn man aus Ber­lin irgend­wo hinzieht.

Schießbefehl

In den letz­ten 30 Jah­ren habe ich sehr oft dar­über nach­ge­dacht, wie mein Fazit zur Wen­de ist. Bis jetzt kom­me ich jedes Mal zu dem Ergeb­nis, das es nichts gibt oder gab, was eine unde­mo­kra­ti­sche Ein­par­tei­en­dik­ta­tur wie die DDR recht­fer­tigt. Für alle die zwei­feln oder ein ver­klär­tes Bild der DDR haben, nur ein Aus­zug aus dem Schieß­be­fehl der Ein­satz­kom­pa­nie der Haupt­ab­tei­lung I NVA und Grenz­trup­pen des Minis­te­ri­ums für Staats­si­cher­heit: „Zögern Sie nicht mit der Anwen­dung der Schuß­waf­fe, auch dann nicht, wenn die Grenz­durch­brü­che mit Frau­en und Kin­dern erfol­gen, was sich die Ver­rä­ter schon oft zunut­ze gemacht haben.„3

Kein Luxus & überall Propaganda

Zwei­fels­frei gab es posi­ti­ve Aspek­te in der DDR. Das Frau­en und Män­ner nicht gleich­be­rech­tigt sind oder nur auf dem Papier, habe ich z. B. erst als erwach­se­ner Mann ver­stan­den. Es gab eine gro­ße gefühl­te Sicher­heit inner­halb des Sys­tems. Eltern muss­ten sich nie­mals sor­gen um Ihre Kin­der machen. Ich bin mit fünf Jah­ren, in einer Groß­stadt, allein in den Kin­der­gar­ten gegan­gen. In die Schu­le ist man ab dem ers­ten Tag allein gegan­gen. Man muss­te sich kei­ne Gedan­ken um das Gesund­heits­sys­tem, Ver­si­che­run­gen, den Arbeits­platz oder die Ren­te machen. Es gab kei­ne sicht­ba­re Kri­mi­na­li­tät. Wenn man woll­te, wur­den die Kin­der in allen Feri­en im Hort betreut, nach der Schu­le gab es jeden Tag Sport, Musik oder irgend­wel­chen Arbeits­ge­mein­schaf­ten an denen man ein­fach teil­neh­men konn­te. Außer Fra­gen oder einer Erlaub­nis der Eltern kos­te­te es nichts. Es gab sehr engen Kon­takt zu den Mit­men­schen und Nach­barn. Ich ken­ne heu­te noch vie­le der Namen aus dem Hoch­haus, in dem ich gewohnt habe, weil ich die Men­schen und Fami­li­en kann­te. Ich muss­te nie hun­gern und es gab für mich genug Süßig­kei­ten, Eis und Brau­se, Spiel­zeug und Klei­dung. Es gab kei­nen Luxus oder eine gro­ße Pro­dukt­viel­falt, aber wenn man das nicht kennt, dann ver­misst man das auch nicht. Es hat­ten nicht alle alles, aber man kann­te immer jeman­den der etwas hat­te. Kin­der wuss­ten, wer wel­che Spiel­sa­chen hat­te und dann ging man zum Spie­len eben hin und Erwach­se­ne wuss­ten, wer wel­che Werk­zeu­ge hat­te und lie­hen sie sich aus und hal­fen ein­an­der. Ich möch­te das nicht in Kate­go­rien wie falsch oder rich­tig ein­ord­nen, weil alles einen Grund und einen Ursprung hat. Dafür wur­de uns jeden Tag und über­all Pro­pa­gan­da in die Gehir­ne gespro­chen und die Rei­se­frei­heit extrem ein­ge­schränkt. So war die Situa­ti­on und für man­che Men­schen war das so in Ordnung.

Drei Unfälle

Ich kann mich noch gut erin­nern, dass ich etwas über­mü­tig einen klei­nen Last­wa­gen mit Kipp­vor­rich­tung (W50 Kip­per) ren­nend vor mir auf der Stra­ße schob und dann die Kipp­la­de kipp­te. Ich flex­te mit mei­nem Gesicht über den Asphalt. Bevor ich mich über­haupt sam­meln konn­te, pflück­te mich eine Frau von der Stra­ße und fing an mich zu ver­sor­gen. Weni­ge Minu­ten spä­ter saß ich mit mei­ner Mut­ter in irgend­ei­nem Auto eines Nach­barn und es ging in die Poli­kli­nik. Und dort wur­den mei­ne Schürf­wun­den mit irgend­was wie Baut­zener Senf bestri­chen und der Arzt mach­te Späß­chen mit mir. Zu Hau­se ange­kom­men, stand der LKW vor der Woh­nungs­tür und alles war gut.

Im letz­ten Jahr lief ein Bau­ar­bei­ter unacht­sam auf einen Rad­weg, ich wich aus und prall­te gegen einen Licht­mast. Ich hat­te ein Schä­del­hirn­trau­ma und mir lief Blut aus dem Ohr. Auf die Bit­te mir zu hel­fen, ant­wor­te­te der Bau­ar­bei­ter nur „selbst schuld” und ging sei­ner Arbeit nach. Ich schlepp­te mich zur nahe­ge­le­ge­nen Arzt­pra­xis, dort wur­de ich in einen Kran­ken­wa­gen ver­la­den, ein Sani­tä­ter schloss mein Fahr­rad neben der Arzt­pra­xis an und ich wur­de in die Uni­kli­nik gefah­ren. Als ich nach drei Tagen mein Fahr­rad holen woll­te war es gestohlen.

In einer poli­ti­schen Talk­show äußer­te ein Jour­na­list im Jahr 2020 die Fra­ge: „Wer 1988 in Bit­ter­feld gelebt hat oder in Karl Marx Stadt, was kann der jetzt eigent­lich ganz genau ver­mis­sen, an die­ser Zeit? Außer viel­leicht sei­ne Jugend.„4 Viel­leicht fin­det sich in die­sem oder im Abschnitt Kein Luxus & über­all Pro­pa­gan­da eine Ant­wort. Jour­na­lis­ti­sche Inkom­pe­tenz ist glück­li­cher­wei­se kei­ne Straf­tat, das müs­sen wir in einer Demo­kra­tie aus­hal­ten. Die indi­rek­te Unter­stel­lung, die mit einer wie der oben genann­ten Fra­gen ein­her­geht, dass Men­schen die posi­ti­ve Asso­zia­tio­nen mit der DDR haben, die Umwelt­ver­schmut­zung, die Gren­zen, die Man­gel­wirt­schaft, die Mor­de, Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen und die Staats­si­cher­heit zurück haben möch­ten, hal­te ich im 30. Jahr der Ein­heit für sehr unangemessen.

Die Gegenwart

Bei mei­ner Arbeit und dabei mei­ne ich sowohl die künst­le­ri­sche, als auch die nicht künst­le­ri­sche Arbeit, sto­ße ich immer häu­fi­ger auf Situa­tio­nen die mich an die Wen­de, die DDR oder deren Auf­ar­bei­tung erinnern.

Seit der Ein­heit wird bis heu­te den Ost­deut­schen eine gewis­se Unfle­xi­bi­li­tät, Jam­me­rei und Opfer­hal­tung zuge­schrie­ben. Mir ist auf­ge­fal­len, dass das Ver­hält­nis von Men­schen die Ver­än­de­run­gen posi­tiv gegen­über­ste­hen und Men­schen, die lie­ber alles so lan­ge wie mög­lich Bewah­ren wol­len, ähn­lich ver­teilt ist. Egal in wel­chem Teil von Deutsch­land. Ich habe Ver­än­de­run­gen in Unter­neh­men im Osten, im Wes­ten, im Süden und im Nor­den beglei­tet und die Men­schen die zetern, jam­mern, blo­ckie­ren und an denen ratio­na­le Argu­men­te abpral­len sind über­all. Wenn in ein paar Jah­ren die Unter­neh­men der Mobi­li­täts­bran­che, die auf fos­si­len Ver­bren­nern basiert, geschlos­sen wer­den, wer­den Leu­te auf die Stra­ße gehen. Wenn Atom- und Braun­koh­le­kraft­wer­ke abge­stellt wer­den, dann wer­den Leu­te auf die Stra­ße gehen. Wenn Fabri­ken der tier­ver­ar­bei­ten­den Indus­trie geschlos­sen wer­den, dann wer­den Leu­te auf die Stra­ße gehen. Sie alle wie­der­ho­len man­tra­ar­tig Sät­ze wie: Das ging doch unser gan­zes Leben lang gut. War­um soll­te das alles auf ein­mal schlecht sein? Und das sind dann genau die­sel­ben Men­schen, die sich über die Ost­deut­schen erho­ben haben, als die­se mit genau die­sen Sät­zen gegen die Schlie­ßung ihrer Betrie­be pro­tes­tiert haben. Die Geschich­te wie­der­holt sich immer zwei­mal – das ers­te Mal als Tra­gö­die, das zwei­te Mal als Far­ce. Gro­tesk, dass es sich hier­bei um ein Karl Marx Zitat handelt.

Die drei Gewalten verselbstständigen sich

Gro­ße Sor­gen macht mir das Prin­zip der Gewal­ten­tei­lung oder viel­mehr die drei Gewal­ten die sich ver­selbst­stän­di­gen. Die gesetz­ge­ben­de Gewalt lässt sich immer weni­ger kon­trol­lie­ren und obwohl es mehr Trans­pa­renz­werk­zeu­ge gibt, wer­den immer neue Metho­den ent­wi­ckelt, um sich der Trans­pa­renz zu ent­zie­hen. Unbe­que­me Daten kön­nen aus Daten­schutz­grün­den nicht her­aus­ge­ge­ben wer­den, gehen ver­lo­ren oder wer­den aus Ver­se­hen gelöscht. Die Recht spre­chen­de Gewalt inter­pre­tiert Geset­ze unver­ständ­lich oder es ent­steht der Ein­druck, es hand­le sich um Emp­feh­lun­gen. Der Aus­gang von Kla­gen kann durch den Ort beein­flusst wer­den, an dem die Kla­gen ein­ge­reicht wer­den. Es herrscht ver­wir­ren­de Intrans­pa­renz. Beschlüs­se zur Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­über­wa­chung wer­den jah­re­lang ein­fach durch­ge­wun­ken und das Recht auf Akten­ein­sicht wird offen­bar gewür­felt. Das Recht etwas mit dem Gericht zu tun hat, in dem es gespro­chen wer­den soll, fühlt sich lang­sam so an wie das Demo­kra­ti­sche in Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik. Und die voll­zie­hen­de Gewalt? Es ver­geht kein Monat ohne das es Auf­fäl­lig­kei­ten im Zusam­men­hang mit Poli­zei und Rechts­ex­tre­mis­mus gibt. Poli­zis­tIn­nen machen Falsch­aus­sa­gen und wenn sie erwischt wer­den bre­chen sie vor Gericht zusam­men. Mit­ar­bei­ten­de grei­fen auf Daten von Bür­ge­rin­nen und Bür­gern ohne Anlass zu, Kenn­zei­chen wer­den ohne Anlass auf Auto­bah­nen gescannt und gespei­chert, nur durch Zufall kom­men die Infor­ma­tio­nen an die Öffent­lich­keit. Man hat nicht den Ein­druck, dass Kon­troll­in­stan­zen funk­tio­nie­ren, Kennzeichnungs- oder Begrün­dungs­pflich­ten wer­den abgelehnt.

Geschichtsvergessenheit

Wir hat­ten in Deutsch­land schon zwei Mal Per­so­nen­kenn­zif­fern, die Reichs­per­so­nal­num­mer aus der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus und die Per­so­nen­kenn­zahl in der DDR. In bei­den Fäl­len hat es sich als sehr schlech­te Idee her­aus­ge­stellt, Men­schen mit einer ein­deu­ti­gen Kenn­zif­fer iden­ti­fi­zier­bar zu machen. Das Miss­brauchs­po­ten­zi­al ist in meh­re­ren Dimen­sio­nen unan­ge­mes­sen hoch. Nun wur­den Plä­ne bekannt, die Steuer-ID zukünf­tig als zen­tra­le Kenn­zif­fer aus­zu­bau­en. Haben wir nichts gelernt?

Es gibt schon genug blin­de Fle­cken in der Geschich­te seit der Ein­heit. Bei­spiels­wei­se der Tod des Vor­sit­zen­den der Treu­hand­an­stalt Det­lev Kars­ten Roh­wed­der, die Infor­ma­tio­nen die die Rote Fini mit ins Grab genom­men hat, die Ver­stri­ckun­gen der Kom­mer­zi­el­len Koor­di­nie­rung, das ver­schwun­de­ne SED-Vermögen, die feh­len­den Mikro­film­tei­le der Rosenholz-Dateien, die unglaub­li­chen Ermitt­lungs­pan­nen im Zusam­men­hang mit dem NSU, die Berater-Affäre in der Bun­des­wehr oder die Intrans­pa­renz im Zusam­men­hang mit der PKW-Maut. Ziel muss es sein die blin­den Fle­cken auf­zu­ar­bei­ten ohne das neue dazukommen.

Fazit

Mein Fazit zum 30. Tag der Deut­schen Ein­heit ist, dass wir mehr und bes­ser auf unse­re Demo­kra­tie auf­pas­sen müs­sen als jemals zuvor.

Das Foto

Dia, Brandenburger Tor um 1969 (DDR Seite)

Das Foto ist ein bear­bei­te­ter HiRes Scan eines Dia­po­si­tivs mei­nes Groß­va­ters Horst Wie­sen­berg. Es zeigt mei­ne Mut­ter Bär­bel und mei­ne Goß­mutter Hel­ga vor dem Bran­den­bur­ger Tor in Ber­lin. Es ist ver­mut­lich 1969 ent­stan­den. Das Foto ist aus Rich­tung Osten auf­ge­nom­men. Rechts und links über den zwei flan­kie­ren­den Flü­gel­bau­ten sieht man die roten Arbei­ter­fah­nen. Gut zu sehen ist die ver­än­der­te Qua­dri­ga. An den Streit­wa­gen wur­de ein Flag­gen­mast mon­tiert an dem die Fah­ne der DDR befes­tigt ist. Wei­ter­hin hat die Vic­to­ria nur den Stab mit dem lee­ren Kranz in der Hand, weil das Eiser­ne Kreuz her­aus­ge­lö­tet und der dar­auf sit­zen­de Preu­ßen­ad­ler ent­fernt wur­den. Hin­ter dem Bran­den­bur­ger Tor ist der Ver­lauf der Mau­er und somit die Gren­ze nach West-Berlin zu erken­nen. Der Pari­ser Platz ist kom­plett unbe­baut, da die nach dem Krieg ver­blie­be­nen Gebäu­de abge­ris­sen wurden.

  1. Wiki­pe­dia: Eini­gungs­ver­trag []
  2. 28.09.20, Min: 47:45 Hel­ga Förs­ter in Wir Ost­deut­sche – 30 Jah­re im ver­ein­ten Land []
  3. Wiki­pe­dia: Schieß­be­fehl []
  4. 28.09.2020, ARD, Hart aber fair, The­ma: Wir Ost­deut­sche, wir West­deut­sche: Wie groß ist die Kluft wirk­lich? Min: 4:40; Niko­laus Blo­me, Res­sort­lei­ter Poli­tik und Gesell­schaft in der Zen­tral­re­dak­ti­on der Medi­en­grup­pe RTL Deutsch­land und Online-Kolumnist beim Maga­zin Der Spie­gel. []
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Naddl.und.Ronny.siegt!

Naddl.und.Ronny.siegt!

Du fragst: Ist das jetzt Kunst oder schlech­te Manieren?
Ich sag: Das ist was für dein Leis­tungs­kurs zum Interpretieren.

(Jan Böh­mer­mann)

Zwei aus dem sozia­lis­ti­schen Rea­lis­mus geborg­te Figu­ren1 ste­hen da, Hand in Hand und schau­en durch eine durch­bro­che­ne Wand. Sie tra­gen ein Ban­ner auf dem Naddl.und.Ronny.siegt! steht. Die Inter­punk­ti­on, der Wort­laut und auch die Schrift­art pas­sen über­haupt nicht zu den sozia­lis­ti­schen Figu­ren. Die weib­li­che Figur trägt ein Luxus­mar­ken­top und Snea­ker einer popu­lä­ren Sport­mar­ke, die in der Ver­gan­gen­heit mit inter­es­san­tem „Spon­so­ring” auf­ge­fal­len ist. Die männ­li­che Figur sieht hin­ge­gen kom­plett aus, als wäre sie der sozia­lis­ti­schen Arbei­ter­klas­se ent­sprun­gen. Wenn man Naddl als den Arche­ty­pus des Mäd­chens aus dem Wes­ten und Ron­ny als den Jun­gen aus dem Osten inter­pre­tie­ren wür­de, dann wäre das eine schö­ne Wen­de­me­ta­pher, denn ohne die kaput­te Mau­er wäre das nicht mög­lich. Die Son­der­lich­kei­ten des Schrift­zu­ges auf dem Ban­ner erklärt das jedoch noch nicht.

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Freiheit, Liebe, Tod.

Freiheit Liebe Tod (Detail)

Der Drei­klang: Frei­heit, Lie­be, Tod; ist im Prin­zip Ödön von Hor­váths Glau­be Lie­be Hoff­nung, nur eben in rea­lis­tisch. In dem Thea­ter­stück geht es ja um die Frei­heit von Eli­sa­beth, die Lie­be zu Alfons und ihren letzt­end­li­chen Tod. 1932 wäre das titel­mä­ßig und auch dra­ma­tur­gisch ver­mut­lich eher schwie­rig gewe­sen. Wer geht schon in ein Thea­ter­stück bei dem schon im Titel steht: äh übri­gens am Ende stirbt die Püp­pi, ne?

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Spion oder Egomane?

ST Kambor-Wiesenberg - Intransparent (2020)

Ich bin auf dem Heim­weg. Beim Vor­bei­lau­fen an einem Haus sehe ich die Sil­hou­et­te eines Man­nes hin­ter dem Fens­ter. Er hält ein Smart­pho­ne in der Hand. Macht der ein Foto? Nimmt er ein Video auf? Nutzt er die Taschen­lam­pen­funk­ti­on oder streamt er irgend­et­was — live — ans ande­re Ende der Welt? Man weiß es nicht. Es ist unklar, ob er die Kame­ra in den Raum, auf die Stra­ße oder auf sich selbst gerich­tet hat. Ist er ein Span­ner und nimmt Leu­te auf der Stra­ße auf? Mög­li­cher­wei­se parkt hier jemand falsch oder ohne Anwoh­ner­park­aus­weis und der Typ ruft gleich an.

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Surrealer Realismus

Temporäre Reale Virtualität

Eine Som­mer­nacht in Bran­den­burg. Es ist ange­nehm warm, aus der Fer­ne hört man elek­tro­ni­sche Musik und leben­di­ge Geräu­sche von vie­len Men­schen und Maschi­nen. Manch­mal erreicht ein mono­to­nes, sono­res Brum­men — wie von einem sehr gro­ßen Die­sel­ge­ne­ra­tor — das Ohr. Es ist kurz nach Mit­ter­nacht und selt­sa­mer­wei­se hat man den Ein­druck, es läge der Geruch von frisch geba­cke­nen Waf­feln in der Luft. Wir befin­den uns auf einem Cam­ping­platz. Oder zumin­dest etwas, was einem Cam­ping­platz sehr nahe kommt. Es fühlt sich an wie eine Cam­ping­platz­si­mu­la­ti­on. Eine Cam­ping­platz­si­mu­la­ti­on, von Leu­ten in der Zukunft gemacht, die nicht genau wis­sen, wie Cam­ping­platz frü­her war. Wie bei die­sen Mit­tel­al­ter­fes­ten, wenn Men­schen aus dem 21. Jahr­hun­dert sich ver­klei­den und kochen und spie­len sie wären Men­schen aus dem 14. Jahr­hun­dert. Wenn aber jemand aus dem 14. Jahr­hun­dert vor­bei­kom­men wür­de, dann wür­de er sagen: „Naja Leu­te, alles ganz nett, aber so eine Plas­tik­wan­ne hat­ten wir nicht und die­se gan­zen Gerä­te mit den Kabeln da, die sind alle falsch.“ Und genau so fühlt es sich an. Hier hat jemand eine sur­rea­le Welt gebaut, die hier nicht her gehört, aber sie ist ganz offen­sicht­lich da. Man kann sie hören, man kann sie rie­chen, man kann sie füh­len und man kann sie schme­cken. Es ist eine kon­den­sier­te Wunsch­zu­kunft im Rea­len, aber die Betei­lig­ten wis­sen, dass die Zukunft anders aus­se­hen wird.

Mit­ten in die­ser Sze­ne­rie mate­ria­li­siert sich eine Situa­ti­on, die die­se Rea­li­täts­ver­zer­rung noch bizarr über­stei­gert. Ein Fami­li­en­wohn­wa­gen mit Vor­zelt. Es sieht so aus, als wäre hier vor ein paar Stun­den das klas­si­sche Abendessen-Ritual voll­zo­gen wor­den. Papa am Grill, Sala­te von Mama, die Brü­der ärgern sich gegen­sei­tig und Oma strickt. Die ganz nor­ma­le Rea­li­tät, mit­tig unter der Glo­cken­kur­ve. Wenn da nicht zen­tral im Bild ein Jun­ge mit einer Vir­tu­al Reality-Brille ste­hen wür­de. In wel­cher Rea­li­tät steckt er denn jetzt bit­te? Cam­ping­ur­laub am Meer? Aben­teu­er in der Natur? Spä­tes­tens jetzt merkt man, ok, die Sze­ne ist ein Fake. Alles passt nicht zusam­men. Die Figu­ren sind Wachs­fi­gu­ren. Irgend­wie ist es auch ein biss­chen zu bunt in der Sze­ne, die Ener­gie­ver­sor­gung scheint über die von klei­nen Solar­zel­len gela­de­nen Akkus hin­aus­zu­ge­hen. Die Licht­re­gie hat über­zo­gen. Da kreu­zen Glasfaser‑, Strom- und Feld­ka­bel den Weg. Wel­che Spe­zi­es hat Glas­fa­ser­netz­wer­ke und kom­mu­ni­ziert mit Feld­te­le­fo­nen? Fehlt nur noch eine Rohr­post. Son­der­li­cher­wei­se tau­chen hier auch Mobil­funk­netz­wer­ke auf, die man noch nie gese­hen hat und auf allen Funk­fre­quen­zen ist etwas los. Wifi über­all und auch die­se Schnur­los­te­le­fo­ne von zu Hau­se funk­tio­nie­ren, obwohl hier doch gar nicht zu Hau­se ist. Die Lösung: Wir befin­den uns in einem Muse­um in der Zukunft. Des­we­gen auch die Infor­ma­ti­ons­ta­fel und nur des­we­gen gibt es auch funk­tio­nie­ren­des WLAN an die­sem Ort. Das Expo­nat: „Tem­po­rä­re rea­le Vir­tua­li­tät im sur­rea­len Rea­lis­mus“ zeigt, dass es frü­her wohl mög­lich war für eine gewis­se Zeit drau­ßen zu leben. Frü­her als das Wet­ter noch nicht lebens­feind­lich war. Frü­her als es noch Ver­ei­ne gab, die dezen­tral an gemein­sa­men Zie­len gear­bei­tet haben. Das letz­te Indiz, dass die­ses Foto in einem Muse­um gemacht wur­de ist die Gieß­kan­ne, denn die Pflan­zen in die­sem Expo­nat sind echt und müs­sen regel­mä­ßig mit ech­tem Was­ser gegos­sen werden.


Das Foto bei flickr.

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LittleLights Hausrenovierung

LittleLights CCCamp19 Pong

Es ist fast voll­jäh­rig. 2002 hat das Litt­le­Lights Haus in einer Gara­ge im würt­tem­ber­gi­schen All­gäu das Licht der Welt erblickt. Ein Modell, im Maß­stab 1:42, der Instal­la­ti­on Blin­ken­lights im Haus des Leh­rers am Alex­an­der­platz in Ber­lin. Genau wie beim Pro­jekt Blin­ken­lights konn­te das Haus nicht nur Ani­ma­tio­nen abspie­len, son­dern es konn­te auch ange­ru­fen wer­den. Mit einem Mobil­te­le­fon war man in die Lage ver­setzt, das ers­te welt­weit bekann­te Video­spiel Pong zu spie­len. Zwei Schlä­ger und ein Ball. Mit der Tas­te 8 nach unten, mit der 5 nach oben. Dank der ein­ge­bau­ten ISDN Schnitt­stel­le war das Spiel „mul­ti­play­er­fä­hig”. Rief eine zwei­te Per­son an, dann konn­te man gegen­ein­an­der spielen.

Litt­le­Lights ist ganz gut her­um­ge­kom­men. Nach der ers­ten Aus­stel­lung auf dem Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gress im Jahr 2002, 19C3: Out Of Order, war es auch auf dem Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Camp 2003 und dem Girls’ Day. 2006 kam es auch aus dem Umfeld des CCC her­aus und es gab Sta­tio­nen wie die Games Con­ven­ti­on in Leip­zig und eine Bank in Mag­de­burg. Auch in Muse­en wur­de Litt­le­Lights aus­ge­stellt. Sta­tio­nen waren: Würt­tem­ber­gi­scher Kunst­ver­ein Stutt­gart, Muse­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on in Frank­furt am Main, Korn­haus­fo­rum Bern und die Aus­stel­lung „Ber­lin im Licht” im Mär­ki­schen Muse­um. Natür­lich war es trotz­dem regel­mä­ßig auf Ver­an­stal­tun­gen des CCC1 zu Gast.

Wei­ter­le­sen …

  1. NaN, Eas­ter­hegg 2004, 21C3, ICMP2, 22C3, ICMP3, 24C3, Chem­nit­zer Linux Tage 2008, Chem­nit­zer Linux Tage 2009, 26C3, 28C3, SIGINT 2012, 30C3, 33C3 []
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Ökofilmtour 2019

Ökofilmtour 2019 BBM Unbesandten

Ges­tern war ich zu Besuch bei der Öko­film­tour 2019. Das Fes­ti­val des Umwelt- und Natur­films tourt zum 14. Male durch Bran­den­burg und bringt die Fil­me auch an ent­le­ge­ne Orte wie nach Unbe­sand­ten in der Pri­gnitz. Dort war es beim BBM e. V. einem Ver­ein für Kunst, Kul­tur, Natur- und Denk­mal­schutz des Künst­ler­kol­lek­tivs BBM zu Gast. Gezeigt wur­den die Fil­me „Die Grü­ne Lüge” und „Sys­tem Error”. Bis zum 29.04.2019 wer­den die 45 Pro­gramm­fil­me und 12 Kurz­fil­me noch gezeigt. Wei­ter­le­sen …

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35C3 Kunst, Impressionen, Vortrag

35C3 Impression - Rolltreppen

Refres­hing Memo­ries war das Mot­to unse­res 35. Cha­os Com­mu­ni­ca­ti­on Con­gres­ses. Viel Zeit blieb nicht, um alte Erin­ne­run­gen auf­zu­fri­schen, wohl aber alte Gewohn­hei­ten. Durch die Prio­ri­sie­rung auf PoC The­men blieb wenig Zeit für Kunst und Inhal­te. Auf frü­he­ren Con­gres­sen foto­gra­fier­te ich, stell­te Kunst aus, reich­te Vor­trä­ge ein und manch­mal wur­den sie auch akzep­tiert1. Für die­sen Bei­trag wühl­te ich noch ein biss­chen im Daten­müll und wur­de fün­dig. Fotos vom 19C3! Skulp­tu­ren aus der Lounge sowie Art & Beau­ty, das Litt­le­Lights Haus (ein Blin­ken­lights Nach­bau) und ein Foto vom Net­work Ope­ra­ti­ons Cen­ter (NOC).

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  1. 21C3: Die blin­ken­den Ver­däch­ti­gen (Foli­en & Zusam­men­fas­sung) — https://events.ccc.de/ []
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Ein neuer Raum für die Prototype Killers.

Die Expe­ri­men­tal Pro­to­ty­pe Kil­lers of Tomor­row (EPKOT) sol­len wie­der­kom­men. 2012 tauch­ten die in einer Fan­ta­sie­welt leben­den, aber ver­mut­lich aus der Zukunft stam­men­den auto­no­men Maschi­nen, erst­mals für fünf Tage auf und unter­hiel­ten sich über dies und das und jenes. Maschi­nen die gebaut wur­den, um die Gren­zen zu kon­trol­lie­ren und Men­schen rund um den Glo­bus zu töten. Wäh­rend ihre Schwes­tern & Brü­der im Jahr 2012 an den Gren­zen und in Krie­gen erst 2764 Tote zu ver­zeich­nen hat­ten, erzähl­ten sie von ihrer, sowie der Arbeit ande­rer Kampf­au­to­ma­ten. Die Anzahl Men­schen, die 2012 von allen Droh­nen gemein­sam getö­tet wur­den, haben zu ihrer Zeit (also von uns aus gese­hen in der Zukunft) ein­zel­ne Killer-Maschinen umge­bracht. Auto­ma­tisch, ohne per­sön­li­che Gefahr, sicher.

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Zu Besuch im Norden.

Am Meer - Cuxhaven

Ich war für einen Monat in Bre­men. Nur einen Stein­wurf von der Hoch­schu­le für Küns­te ent­fernt, in und neben der ich vor über zehn Jah­ren gear­bei­tet habe.

Orte an denen man frü­her gelebt hat, zumin­dest ist das bei mir so, machen im Kopf vie­le Schub­la­den auf, die lan­ge geschlos­sen waren. Und dann fängt man an dar­in rum­zu­wüh­len und erin­nert sich an die Level die man durch­ge­spielt hat. Was man zu der Zeit so gedacht, gemacht und gelernt hat und wel­che Situa­tio­nen klei­ne Pflänz­chen in einem gesät haben und was davon noch übrig ist.

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