In der Zeitung berichten Sie von Albert Einstein und seiner Arbeit. E = mc2. Energie ist gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat. Das muss man sich mal überlegen. Wenn man ein kleines Stück Kohle hat, von ungefähr 100 Gramm, dann steckt in diesem Stück wahnsinnig viel Energie. Nicht weil es Kohle ist, sondern wegen seines Gewichts. Vermutlich ist es keine gute Idee die Kohle zu verbrennen und Wasser damit zu kochen, um dann damit einen Dynamo zu anzutreiben, aus dem dann elektrische Energie kommt. Die Kohle zu nutzen, um damit zu Grillen, erscheint mir auch keine besonders gute Idee. Es kommt nichts dabei heraus was auch nur halbwegs äquivalent zu der Energie ist, die in dem kleinen Stück enthalten sein soll. Dann könnte man es auch in einen See werfen, denn da gäbe es wenigstens eine Zeitlang kleine Wellen, die sich kreisförmig ausbreiten. Interessant ist auch, dass es kreisförmige Wellen gibt, auch wenn man zum Beispiel einen quadratischen Block ins Wasser wirft. Wie auch immer. Die Energie in dem kleinen Stück Kohle, würde jedenfalls locker ausreichen, um mit einem Schiff um die Erde zu fahren. Die Antwort, wie das gehen soll, bleibt uns Herr Einstein allerdings schuldig.
Als ich die erste Etage im brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst betrat, wurde ich von einer freundlichen Dame begrüßt. Sie zeigte auf einen Raum und erklärte, hier werden Porträts gezeigt. Weiter hinten, sie machte eine entsprechende Geste, geht es um Textilien. Hier drüben, ihr Arm wanderte in die andere Richtung, geht es um Zeichen und Typografie. Da müssen Sie sich ihre eigene Geschichte ausdenken.
Der Name Gil Schlesinger war für mich neu, unverbraucht und ich verband damit keine bestimmte Kunstrichtung. Ich wusste nicht, wann die Arbeiten entstanden sind, und ob der Künstler noch lebt. Ich ging, ohne den Text am Eingang zu lesen in die Räume und ließ die Arbeiten auf mich wirken. Nach der ersten Runde fing ich an nach Orientierung zu suchen, aber außer dem Titel der Ausstellung: “Gil Schlesinger Der Aufstand der Zeichen. Malerei und Zeichnungen” gab es außer den Werken nichts. Keine Titel, keine Jahresangaben, keine Beschreibungen, keine Materialien, keine Einordnung. Mir fiel auf, dass fast alle Bilder im Hochformat und auf einer Art braunen Packpapier gemalt oder gezeichnet waren. Und da ist schon die erste Frage. Ist das Malerei oder Zeichnung? Ich entschied mich für – egal. Die Bilder sind farblich reduziert. Neben dem Hintergrund gibt es oft nur Schwarz, Weiß und Grautöne. Gelegentlich kommt eine oder selten zwei Farben wie Gelb, Orange oder Blau dazu. Viele sind mit Schlesinger 81 signiert, manche nur mit Schlesinger. Meistens unten Rechts, selten aber auch an anderen Stellen. Hat er alle Bilder 1981 hergestellt oder ist das der Name einer Serie, weil 81 für ihn etwas Besonderes ist? Vielleicht hat er sie auch mit 81 Jahren gemacht oder die Serie besteht aus 81 Werken? Ich war 1981 2 Jahre alt. Wenn die Bilder von 1981 sind, dann sehen sie auf jeden Fall jünger aus als ich heute. Vielleicht ist es auch eine Art grafisches Tagebuch? Nach zwei Runden stand ich vor der Frage, entweder gehst du jetzt raus oder du schaust dir die Bilder genauer an und denkst dir deine eigenen Geschichten aus. Ich holte mir ein Museumsklappstühlchen.
Tag 1
Gil Schlesinger (01/30)
Der Tag begann mit einer Katastrophe. Ich muss gestern Abend beim Lesen eingeschlafen sein und dann im Schlaf meine Brille aus dem Bett befördert haben. Beim schwungvollen Aufstehen bin ich zielsicher auf meine Brille getreten. Kracks, Knirsch und während ich das Geräusch der Brillenzerstörung hörte, lief mein Tag vor meinem inneren Auge ab. Erst in die Stadt fahren, irgendein Provisorium besorgen, dann zum Arzt, Rezept besorgen, Sehstärke bestimmen lassen, zum Optiker bei dem es nur hässliche, zu teure oder hässliche und teure Gestelle gibt, dann zum nächsten Optiker und so weiter. Am Ende des Tages habe ich dann eine zu teure und ein bisschen zu hässliche Brille gekauft und muss mich monatelang an mein neues Spiegelbild gewöhnen. Ich taste neben mir auf dem weißen Nachttischchen nach dem Buch von gestern Abend. Ich erkenne kaum etwas von der Schrift. Sieht aus wie Griechisch.
Der HAW Design Campus ist ein bezaubernder Ort. Die Stimmung, das Haus das lebt, Charakter hat und eine unglaubliche ästhetische Schönheit ausstrahlt, obwohl es nicht dem gewöhnlichen Idealen entspricht. Aber jeder Fleck, jeder Riss und jeder Strich zeigt, hier finden kreative Prozesse zwischen Euphorie und Depression statt. Die Umgebung erzählt Geschichten, man muss nur hinschauen, riechen und hören. Ich bin nur Gast [1]Pentiment – 31. Internationale Sommerakademie für Kunst und Design, Hamburg und beneide alle die hier arbeiten dürfen.
Das Haus ist Pandemie gezeichnet. Von den offensichtlichen Veränderungen, die mit dem Hygienekonzept zusammenhängen abgesehen, besitzen die Wände auf den Fluren Spuren, haben kleine Löcher von Nägeln und Nadeln. Hier hingen Werke, die jetzt irgendwie in die Digitale gerutscht sind. Bei den Fotos habe ich oft versucht die Pandemie zu verbergen, ihr keinen Raum zu geben. Manchmal, wenn es die Situation erlaubte, habe ich die Porträtierten gebeten die Maske zu verstecken, wenn sie z.B. am Arm oder um den Hals getragen wurde. Bei Schnappschüssen ist das natürlich nicht gelungen. Manchmal sieht man ein Pflaster vom Impfen oder eine Markierung auf einem Stuhl. Menschen direkt von vorn mit Maske zu porträtieren, fällt mir zunehmend schwerer. Vermutlich, weil der Kopf sich wünscht, dass es langsam vorbei sein müsste, die Realität aber sagt, leider nein.
„Die Titanic für Intellektuelle die nochmal um eine Ecke mehr denken wollen.“
Tilman Knop
Zum Start der Akademie gab es neben den üblichen Informationen ein kleines Skizzenheft von einem Geschäft für Künstlerbedarf. Ein grauer Pappeinband und 32 weiße Seiten. Keinerlei Aufdruck. Sehr sympathisch. Nur ein kleiner ovaler grüner Stempel des Geschäfts mit dem Namen, dem Jahr der Gründung, einer Telefonnummer und dem Hinweis: Einrahmung & Künstlerbedarf. Dieses Skizzenheft sollte die Basis werden, aber was der Inhalt? Da ich mich nun schon Lichtjahre von meiner Komfortzone entfernt hatte, kam es auf 10 Meter hin oder her auch nicht mehr an. Ich ging also in einen Zeitungskiosk und griff wahllos in den Ständer mit den Tageszeitungen. 12,50 € zeigte die Kasse an und ich hatte das erste Bündel Material. Material, das für sehr viele Menschen die relevanten Informationen des Tages sind. Sehr interessant das alles. Klein anfangen hatte Tilman in der Eröffnungsrunde gesagt, na ja, dass Format ist klein, dann muss der Inhalt eben groß werden.
Auf den 32 Seiten sind nun Inhalte aus Morgenpost, taz, Welt, Zeit, einem Flyer vom Museum für Kunst & Gewerbe und von einer Bäckertüte collagiert. Themen eines ganz normalen Montags. In die Collagen mischen sich zeichnerische und grafische Elemente sowie ein paar Sofortbilder die während des Entstehungsprozesses gemacht wurden. Zu den Bildern gehören die Texte genauso wie die Titel zu den einzelnen Werken.
Die Collagen machen das was in den Zeitungen auch passiert, nur deutlich überhöht und überzeichnet. Es werden Bilder und Texte kombiniert, die nicht zueinander gehören. In den Collagen gibt es eine Metaebene, in den Zeitungen vermutlich nicht. Kritik an bestimmten Verhältnissen, die man schlecht findet, enthält die Selbstverpflichtung es besser zu machen. Eine Zeitung die weggespülte Häuser Überschwemmungsgebiete und Naturkatastrophen thematisiert und auf der nächsten Seite die Hand für Werbung aufhält, deren Produkte genau das verursacht haben, macht nichts davon. Sie kritisiert nicht und macht auch nichts besser. Nicht moralisch und auch nicht faktisch. Am Ende ist einfach nur Text und Bild auf Papier gedruckt. Wie alles im Zusammenhang steht, kann nur durch intensives Recherchieren und Nachdenken herausgefunden werden. Sowohl bei den Zeitungen, als auch bei den Collagen.
Im Wunderland fragt Alice die Katze, welchen Weg sie gehen soll. Die Katze sagt, das kommt darauf an wo du hin willst, wo dein Ziel ist. Wenn du nicht genau weißt, wo du hin willst, ist es auch egal welchen Weg du gehst.
Der Vortrag fand auf https://streaming.media.ccc.de/ unter dem Titel: Das Netz als Inspirationsquelle für Kunst(werke) am Samstag, dem 3. April 2021, von 22:15 bis 23:00 Uhr statt. Im Anschluss gab es eine Fragerunde.
Als ich die Shredderbilder arrangiert aufgehängt habe, war ich überrascht, wie gut sie funktionieren. Als ich das erste Mal ein Foto von dem Arrangement gesehen habe, war ich schockiert.
Dass es einen signifikanten Unterschied macht, ob ein Bild im Original oder als Kopie in Form eines Fotos wahrgenommen wird, erschließt sich relativ schnell. Die Kopie ist immer eine Verkürzung, wie bei einem Buch von 300 Seiten, welches auf eine zusammenfassende Seite reduziert wird. Das kann nützlich sein, aber auch eine Katastrophe.
Vor 30 Jahren wurde der Einigungsvertrag unterschrieben. In diesem wurde die Auflösung der DDR, ihr Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland und die deutsche Einheit beschlossen. In der DDR Volkskammer stimmten 73 % und im Bundestag 89 % der Abgeordneten für die Unterzeichnung des Vertrages. [1]Wikipedia: Einigungsvertrag
Wir waren immer perfekt
Dieses Jubiläum führt und führte zu einem erhöhten aufkommen von Dokumentationen, Filmen, Interviews, Bildern und Texten in den Medien. Und wie schon in der Vergangenheit oft bemerkt, fällt auf: Geschichte hängt maßgeblich davon ab wer sie erzählt oder wer sie vielleicht auch nicht erzählt. Es ist richtig, dass in Dokumentationen vielleicht Zeitzeugen gehört werden, aber die Geschichte wird vom Schnittraum und der Regie erzählt. Auch bei Dokumentationen aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich muss man genau recherchieren, wer da in die Kamera spricht und warum. Steht jemandem der beim Fall der Mauer zwei Jahre alt war, die Aussage zu, etwas in der DDR gelernt zu haben und Werte daraus mitbringt? Warum bekommen Personen die genau am 3. Oktober 1990 geboren sind eine Bühne in einer Dokumentation „Wir Ostdeutsche“? Und ist das Schicksal der Leiterin der Konsum-Drogerie am Marktplatz wirklich so tragisch? „Wir waren eine super Konsum-Drogerie mit guten Angestellten, wir waren immer perfekt, wir waren beliebt im ganzen Umfeld.“ [2]28.09.20, Min: 47:45 Helga Förster in Wir Ostdeutsche – 30 Jahre im vereinten Land Wo sind die Leute, die in der Konsum-Drogerie eingekauft haben? Wo sind die ganz durchschnittlichen Mitarbeitenden vom VEBABC und der LPGXYZ, die jeden Tag zur Arbeit gegangen sind und am Nachmittag an der Kaufhalle vorbei wieder nach Hause? Wo sind die, die keine besonderen Lebenswege hatten? Wo sind Leute wie die Kinder von Golzow? Oder Menschen die in Cottbus im Zuchthaus oder in Bauzten II inhaftiert waren? Wo sind die, die etwas mit dem Staat zu tun hatten oder mit einem der 8.000 von der Treuhand abgewickelten Betriebe? Die Leute mit den ostdeutschen Vorzeigelebensläufen in den Dokus, hatten alle – auch mit Privatinsolvenz – mehr oder weniger Glück. So wie ich.
Zwei aus dem sozialistischen Realismus geborgte Figuren1 stehen da, Hand in Hand und schauen durch eine durchbrochene Wand. Sie tragen ein Banner auf dem Naddl.und.Ronny.siegt! steht. Die Interpunktion, der Wortlaut und auch die Schriftart passen überhaupt nicht zu den sozialistischen Figuren. Die weibliche Figur trägt ein Luxusmarkentop und Sneaker einer populären Sportmarke, die in der Vergangenheit mit interessantem „Sponsoring“ aufgefallen ist. Die männliche Figur sieht hingegen komplett aus, als wäre sie der sozialistischen Arbeiterklasse entsprungen. Wenn man Naddl als den Archetypus des Mädchens aus dem Westen und Ronny als den Jungen aus dem Osten interpretieren würde, dann wäre das eine schöne Wendemetapher, denn ohne die kaputte Mauer wäre das nicht möglich. Die Sonderlichkeiten des Schriftzuges auf dem Banner erklärt das jedoch noch nicht.
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