Nur zu Ihrer Sicherheit. — Über Punk in den 1980ern

Die Kunst-Installation „Nur zu Ihrer Sicher­heit.” nähert sich dem Jah­res­tag. Am 26.12.2013 wur­de sie erst­ma­lig in Ham­burg prä­sen­tiert, sechs Mona­te spä­ter in New York. Anlass, um dar­über zu schrei­ben. Jeden Mon­tag bis zum 26.12.2014. In der letz­ten Woche schrieb ich über Indi­vi­dua­li­tät.

Der Name des ers­ten Objek­tes „Arsch hoch! Wir leben im Com­pu­ter­staat.” wur­de bereits für die vor­an gegan­ge­ne Inter­pre­ta­ti­on her­an­ge­zo­gen, ohne dass er näher beschrie­ben wur­de. Dies wird hier­mit nachgeholt.

1979 hin­gen in eini­gen Ham­bur­ger Knei­pen Aus­hän­ge mit der Über­schrift „Arsch hoch!“. Auf die­sen such­te Frank-Martin Strauß Mit­strei­ter für eine Punk­band. Der Aus­hang hat­te Erfolg. Im Febru­ar 1980 ging Strauß (Syn­the­si­zer, Per­cus­sion, Gesang) gemein­sam mit Frank Zie­gert (Gesang, Gitar­re), Axel Dill (Schlag­zeug), Gis­bert Kel­lers­mann (Bass) und Mar­gi­ta Haber­land (Gesang, Gei­ge) ins Ham­bur­ger Hafenklang-Studio. Als Band­na­me wur­de „Abwärts“ gewählt und im Mai erschien die legen­dä­re Computerstaat-EP1. Das Titel­stück Com­pu­ter­staat ist bis heu­te einer der bekann­tes­ten und belieb­tes­ten Songs der Band. Der Text ist in Form eines Durch­zähl­rei­mes gestal­tet und lau­tet folgendermaßen:

Mon­tag klopft es an der Tür, und Ara­fat, steht neben Dir.
Diens­tag gibt es Pro­be­alarm, Para­noia in der Straßenbahn.
Mitt­woch ist der Krieg sehr kalt, Bre­schnew lau­ert in der Badeanstalt.

Don­ners­tag, du weißt es schon, tau­send Agen­ten in der Kanalisation.
Frei­tag gehört der Mafia, das Ravio­li kommt aus Florida.
Sams­tag Abend, Irren­an­stalt, der KGB im deut­schen Wald.
Sonn­tag, da ist alles tot, im Golf von Mal­lor­ca der Welt­krieg droht.

Sta­lin­grad, Sta­lin­grad, Deutsch­land Katastrophenstaat.
Wir leben im Com­pu­ter­staat. Wir leben im Com­pu­ter­staat. Wir leben im Computerstaat.

Aus mei­ner Sicht, ist die Aus­sa­ge, „wir leben im Com­pu­ter­staat” extrem Vor­aus­schau­end. Wer hat­te 1979 schon auf dem Zet­tel, dass der Staat Com­pu­ter in größ­te­rem Umfang zur Hil­fe nimmt? Aber tat­säch­lich wur­de 1979 die ers­te bekann­te und erfolg­rei­che, nega­ti­ve Ras­ter­fahn­dung durch­ge­führt. Um unter fal­schen Namen ange­mie­te­te kon­spi­ra­ti­ve Woh­nun­gen zu fin­den, wur­de mit rich­ter­li­chem Beschluss ein Magnet­band mit allen bar­zah­len­den Strom­kun­den in Frank­furt am Main beschlag­nahmt. Nun wur­den alle lega­len Namen die dem Staat bekannt waren her­aus­ge­fil­tert, also die Namen von gemel­de­ten Ein­woh­nern, Kfz-Haltern, Rent­nern, Bafög-Beziehern, im Grund­buch ver­zeich­ne­ten Eigen­tü­mern, Brand­ver­si­cher­ten, gesetz­lich Kran­ken­ver­si­cher­ten und so wei­ter. Übrig blie­ben zwei Fal­sch­na­men. Dahin­ter ver­bar­gen sich ein Rausch­gift­händ­ler und Rolf Ger­hard Heiß­ler, ein dama­li­ges Mit­glied der Roten Armee Frak­ti­on (RAF). Man könn­te argu­men­tie­ren, die Grup­pe Abwärts war nur beson­ders schnell und nicht vor­aus­schau­end, weil sie sich 1980 auf die kurz zuvor statt­ge­fun­de­ne Ras­ter­fahn­dung bezieht. Dass kann jedoch nicht der Fall sein, denn dass die Ras­ter­fahn­dung so statt­ge­fun­den hat, wur­de erst 1986 bekannt, als der ehe­ma­li­ge BKA-Chef Horst Herold über Ter­ro­ris­ten und Computer-Fahndung in einem Spie­gel Inter­view berichtete.

  1. Abwärts — Com­pu­ter­staat: http://youtu.be/NxjvyPui5V0  []
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