„Triumph der Unkorrigierbarkeit“ ist eine Installation und Performance, die während der Ausstellung POSITION.2026 in der Fabrik der Künste in Hamburg entsteht. Ein Schreibtisch, ein Stuhl, eine mechanische Schreibmaschine, Papier und frische Blumen bilden einen Arbeitsplatz, der zunächst aus der Zeit gefallen wirkt. Er braucht weder Strom noch Internet. Während der Performances nehme ich dort Platz und schreibe auf einer Triumph Junior 12 jeweils einen Text.
Ich schreibe ohne Entwurf und ohne nachträgliche Bearbeitung. Es wird nichts gelöscht, überklebt oder neu ausgedruckt. Auch Tippfehler, unvollkommene Formulierungen, Unsicherheiten und Entscheidungen bleiben auf dem Papier. Was geschrieben ist, bleibt geschrieben. Die Texte entstehen öffentlich und unter den Bedingungen des jeweiligen Augenblicks. Niemand weiß vorher, wohin sie sich entwickeln werden – ich selbst auch nicht.
Das ist die sichtbare und zunächst offensichtliche Ebene der Arbeit: das analoge Schreiben ohne Rückgängig-Taste. Es steht einer digitalen Gegenwart gegenüber, in der nahezu alles nachträglich verändert, optimiert oder korrigiert werden kann. Digitale Texte lassen sich beliebig oft überarbeiten. Frühere Fassungen verschwinden, Fehler werden beseitigt und Entscheidungen zurückgenommen. Auf der Schreibmaschine bleibt dagegen jeder Anschlag Teil des Ergebnisses.
Der Titel ist zugleich ein Wortspiel. Die Maschine, auf der die Texte entstehen, ist eine Triumph Junior 12. „Triumph“ bezeichnet daher nicht nur einen möglichen Sieg über das Unkorrigierbare, sondern auch das konkrete Werkzeug der Arbeit. Die Maschine trägt den Triumph bereits in ihrem Namen. Indem sie etwas hervorbringt, das innerhalb dieser Arbeit nicht mehr korrigiert wird, verbindet sie die materielle und die inhaltliche Ebene der Installation.
Mich interessiert die Verbindlichkeit, die durch das Medium entsteht. Jeder Anschlag verlangt eine Entscheidung. Diese Entscheidung muss nicht richtig sein, aber sie lässt sich innerhalb der selbst gesetzten Regeln nicht zurücknehmen. Das Geschriebene bewahrt nicht nur den Text, sondern auch den Weg, auf dem er entstanden ist. Ein Satz muss mit dem weiterarbeiten, was bereits auf dem Blatt steht. So wird das Schreiben selbst zu einer Übung im Umgang mit dem Unkorrigierbaren.
Zu der Installation gehören frische Blumen. Auch sie tragen etwas Unkorrigierbares in sich: Sie werden während der Ausstellung welken. Ihre Vergänglichkeit lässt sich nicht aufhalten. Ich kann jedoch auf sie reagieren, indem ich sie regelmäßig austausche. Darin liegt eine weitere Ebene der Arbeit. Manches können wir verändern, manches nicht. Manches müssen wir annehmen, auf anderes können wir antworten.
Die Blumen und die Texte verhalten sich dabei unterschiedlich. Das einmal beschriebene Papier bewahrt die Spuren seiner Entstehung. Die Blumen verändern sich von selbst. Indem ich verwelkte Blumen durch frische ersetze, mache ich ihre Vergänglichkeit nicht rückgängig. Ich entscheide lediglich, wie ich mit ihr umgehe.
Beides gehört zur gleichen Frage: Was ist gegeben, was lässt sich gestalten, und wie gehen wir mit dem Unterschied um? Das eine vom anderen zu unterscheiden, ist eine Kunst im Leben. An diesem Punkt schließt sich der Kreis zwischen dem Inhalt der Arbeit und der Kunst selbst.
Auf einer tieferen Ebene handelt „Triumph der Unkorrigierbarkeit“ von den Dingen, die wir in uns und um uns vorfinden. Jeder Mensch lebt mit Erfahrungen, Eigenschaften, Entscheidungen, Verlusten oder Verletzungen, die sich nicht einfach aus der eigenen Geschichte löschen lassen. Manchmal stellt sich deshalb die Frage, wie wir damit leben können. Lernen wir, damit umzugehen und vielleicht sogar darüber zu triumphieren? Oder scheitern und zerbrechen wir daran?
Der Triumph liegt für mich darin, das Unveränderliche als Teil der eigenen Wirklichkeit anzuerkennen, ohne ihm die vollständige Kontrolle über das weitere Leben zu überlassen. Ein Fehler bleibt ein Fehler. Eine Erfahrung bleibt geschehen. Trotzdem ist das, was danach kommt, nicht vollständig festgelegt. Auch nach einem falschen Anschlag kann ich weiterschreiben.
Für mich ist die Arbeit auch eine persönliche Metapher. Sie bezieht sich auf mein vergangenes Leben, die kontinuierliche Arbeit an mir selbst und darauf, wo ich heute stehe. Es gibt Dinge, die ich nicht korrigieren kann. Ich kann meine Geschichte nicht neu schreiben, als wäre sie nie geschehen. Ich kann aber lernen, anders mit ihr umzugehen. Was sich verändert, ist mein Blick auf das Vergangene und die Art, wie ich damit weiterlebe.
Diese persönliche Bedeutung legt die Arbeit jedoch nicht für andere fest. Jede Person bringt eigene Erfahrungen mit dem Unkorrigierbaren mit. Für manche kann es um eine Entscheidung gehen, für andere um Krankheit, Verlust, Herkunft, Beziehungen, das Älterwerden oder die eigene Biografie. Die konkrete Bedeutung bleibt individuell. Die gemeinsame Erfahrung besteht darin, dass niemand ausschließlich unter selbst gewählten und jederzeit veränderbaren Bedingungen lebt.
Nach jeder Performance verlässt der Text den analogen Raum. Ich digitalisiere ihn und veröffentliche ihn auf Instagram und Mastodon. Damit kehrt das Unkorrigierbare in eine Umgebung zurück, in der Inhalte normalerweise jederzeit bearbeitet werden können. Die digitale Veröffentlichung hebt die Regel der Performance jedoch nicht auf. Veröffentlicht wird der Text so, wie er auf der Schreibmaschine entstanden ist, einschließlich seiner Fehler und sichtbaren Entscheidungen.
Dieser Medienwechsel gehört wesentlich zur Arbeit. Der analoge Text bleibt als einzelnes Blatt erhalten, während seine digitale Abbildung vervielfältigt, geteilt und auf verschiedenen Bildschirmen betrachtet werden kann. Das Original trägt die materiellen Spuren des Schreibens. Seine digitale Abbildung kann sich verbreiten und neue Zusammenhänge erreichen. So verbindet die Arbeit den körperlichen Vorgang des Tippens mit der Öffentlichkeit sozialer Medien. Auch Menschen, die nicht nach Hamburg kommen können, können die entstehenden Texte verfolgen.
Fotos und Texte werden außerdem nach und nach hier im Blog veröffentlicht. Ein später erscheinender Katalog wird die Arbeit ebenfalls dokumentieren. So bleibt sie auch über die Dauer der Ausstellung hinaus zugänglich.
Der Ausstellungsraum verändert zugleich die Bedeutung des Arbeitsplatzes. Schreibtisch und Schreibmaschine könnten zunächst wie eine Aufforderung wirken, sich zu setzen und selbst zu schreiben. Die Installation soll jedoch nicht berührt werden. Während der Performance wird an diesem Arbeitsplatz tatsächlich gearbeitet. Außerhalb dieser Zeiten bleiben die Maschine, die Blumen und die entstandenen Texte als Spuren eines Arbeitsprozesses zurück. Mein Arbeitsplatz ist jetzt Kunst.
Jedes während der Ausstellung entstandene Blatt bildet zugleich ein eigenständiges Werk. Die Texte werden auf der Rückseite signiert und datiert und können erworben werden. Der Zeitpunkt ihrer Entstehung bleibt dadurch dauerhaft mit ihnen verbunden. Was im Verlauf einer öffentlichen Performance geschrieben wurde, kann die Ausstellung als einmaliges Original verlassen.
Die Ausstellung
„Triumph der Unkorrigierbarkeit“ wird im Rahmen von POSITION.2026 gezeigt. POSITION. Ausstellung und Forum ist eine Veranstaltungsreihe des Berufsverbands bildender Künstler*innen Hamburg. Die jährliche Ausstellung präsentiert Arbeiten der neu aufgenommenen Mitglieder. Dabei treffen unterschiedliche Medien und künstlerische Ansätze aufeinander: Zeichnung, Collage, Malerei, Fotografie, Plastik, Skulptur, Installation und Video.
Die Ausstellung findet vom 24. September bis zum 4. Oktober 2026 in der Fabrik der Künste statt.
Fabrik der Künste
Kreuzbrook 12
20537 Hamburg
Der Eintritt ist frei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Vernissage
Donnerstag, 24. September 2026, 18 bis 22 Uhr
Während der Vernissage ist keine Performance vorgesehen.
Performances
- Freitag, 25. September 2026, 18 Uhr
- Samstag, 26. September 2026, 17 Uhr
- Sonntag, 27. September 2026, 15 Uhr
- Mittwoch, 30. September 2026, 18 Uhr
- Donnerstag, 1. Oktober 2026, 18 Uhr
- Freitag, 2. Oktober 2026, 18 Uhr
- Samstag, 3. Oktober 2026, 17 Uhr
Bei jeder dieser Performances entsteht auf der Triumph Junior 12 ein neuer Text ohne nachträgliche Korrektur.
Finissage
Sonntag, 4. Oktober 2026, 13 bis 18 Uhr
Während der Finissage ist keine weitere Performance geplant. Zu diesem Zeitpunkt lässt sich die Installation mit den während der Ausstellung entstandenen Spuren und Veränderungen ein letztes Mal sehen.
Öffnungszeiten
- Mittwoch bis Samstag, 14 bis 20 Uhr
- Sonntag, 12 bis 18 Uhr
- Montag und Dienstag geschlossen
Für die Vernissage gelten die oben genannten gesonderten Zeiten.
Die Fabrik der Künste ist unter anderem mit dem Bus 112 sowie mit dem Bus 312 vom Berliner Tor bis zur Haltestelle Luisenweg/Süderstraße erreichbar.
Die während der Ausstellung entstehenden Texte veröffentliche ich auf Instagram und Mastodon. Fotos und Texte werden außerdem nach und nach hier im Blog sowie in einem später erscheinenden Katalog zu sehen und zu lesen sein.
Instagram: https://www.instagram.com/kambor.wiesenberg/
Mastodon: https://chaos.social/@st

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