Der HAW Design Campus ist ein bezaubernder Ort. Die Stimmung, das Haus das lebt, Charakter hat und eine unglaubliche ästhetische Schönheit ausstrahlt, obwohl es nicht dem gewöhnlichen Idealen entspricht. Aber jeder Fleck, jeder Riss und jeder Strich zeigt, hier finden kreative Prozesse zwischen Euphorie und Depression statt. Die Umgebung erzählt Geschichten, man muss nur hinschauen, riechen und hören. Ich bin nur Gast [1]Pentiment – 31. Internationale Sommerakademie für Kunst und Design, Hamburg und beneide alle die hier arbeiten dürfen.
Das Haus ist Pandemie gezeichnet. Von den offensichtlichen Veränderungen, die mit dem Hygienekonzept zusammenhängen abgesehen, besitzen die Wände auf den Fluren Spuren, haben kleine Löcher von Nägeln und Nadeln. Hier hingen Werke, die jetzt irgendwie in die Digitale gerutscht sind. Bei den Fotos habe ich oft versucht die Pandemie zu verbergen, ihr keinen Raum zu geben. Manchmal, wenn es die Situation erlaubte, habe ich die Porträtierten gebeten die Maske zu verstecken, wenn sie z.B. am Arm oder um den Hals getragen wurde. Bei Schnappschüssen ist das natürlich nicht gelungen. Manchmal sieht man ein Pflaster vom Impfen oder eine Markierung auf einem Stuhl. Menschen direkt von vorn mit Maske zu porträtieren, fällt mir zunehmend schwerer. Vermutlich, weil der Kopf sich wünscht, dass es langsam vorbei sein müsste, die Realität aber sagt, leider nein.
„Die Titanic für Intellektuelle die nochmal um eine Ecke mehr denken wollen.“
Tilman Knop
Zum Start der Akademie gab es neben den üblichen Informationen ein kleines Skizzenheft von einem Geschäft für Künstlerbedarf. Ein grauer Pappeinband und 32 weiße Seiten. Keinerlei Aufdruck. Sehr sympathisch. Nur ein kleiner ovaler grüner Stempel des Geschäfts mit dem Namen, dem Jahr der Gründung, einer Telefonnummer und dem Hinweis: Einrahmung & Künstlerbedarf. Dieses Skizzenheft sollte die Basis werden, aber was der Inhalt? Da ich mich nun schon Lichtjahre von meiner Komfortzone entfernt hatte, kam es auf 10 Meter hin oder her auch nicht mehr an. Ich ging also in einen Zeitungskiosk und griff wahllos in den Ständer mit den Tageszeitungen. 12,50 € zeigte die Kasse an und ich hatte das erste Bündel Material. Material, das für sehr viele Menschen die relevanten Informationen des Tages sind. Sehr interessant das alles. Klein anfangen hatte Tilman in der Eröffnungsrunde gesagt, na ja, dass Format ist klein, dann muss der Inhalt eben groß werden.
Auf den 32 Seiten sind nun Inhalte aus Morgenpost, taz, Welt, Zeit, einem Flyer vom Museum für Kunst & Gewerbe und von einer Bäckertüte collagiert. Themen eines ganz normalen Montags. In die Collagen mischen sich zeichnerische und grafische Elemente sowie ein paar Sofortbilder die während des Entstehungsprozesses gemacht wurden. Zu den Bildern gehören die Texte genauso wie die Titel zu den einzelnen Werken.
Die Collagen machen das was in den Zeitungen auch passiert, nur deutlich überhöht und überzeichnet. Es werden Bilder und Texte kombiniert, die nicht zueinander gehören. In den Collagen gibt es eine Metaebene, in den Zeitungen vermutlich nicht. Kritik an bestimmten Verhältnissen, die man schlecht findet, enthält die Selbstverpflichtung es besser zu machen. Eine Zeitung die weggespülte Häuser Überschwemmungsgebiete und Naturkatastrophen thematisiert und auf der nächsten Seite die Hand für Werbung aufhält, deren Produkte genau das verursacht haben, macht nichts davon. Sie kritisiert nicht und macht auch nichts besser. Nicht moralisch und auch nicht faktisch. Am Ende ist einfach nur Text und Bild auf Papier gedruckt. Wie alles im Zusammenhang steht, kann nur durch intensives Recherchieren und Nachdenken herausgefunden werden. Sowohl bei den Zeitungen, als auch bei den Collagen.
Im Wunderland fragt Alice die Katze, welchen Weg sie gehen soll. Die Katze sagt, das kommt darauf an wo du hin willst, wo dein Ziel ist. Wenn du nicht genau weißt, wo du hin willst, ist es auch egal welchen Weg du gehst.
Der Vortrag fand auf https://streaming.media.ccc.de/ unter dem Titel: Das Netz als Inspirationsquelle für Kunst(werke) am Samstag, dem 3. April 2021, von 22:15 bis 23:00 Uhr statt. Im Anschluss gab es eine Fragerunde.
Als ich die Shredderbilder arrangiert aufgehängt habe, war ich überrascht, wie gut sie funktionieren. Als ich das erste Mal ein Foto von dem Arrangement gesehen habe, war ich schockiert.
Dass es einen signifikanten Unterschied macht, ob ein Bild im Original oder als Kopie in Form eines Fotos wahrgenommen wird, erschließt sich relativ schnell. Die Kopie ist immer eine Verkürzung, wie bei einem Buch von 300 Seiten, welches auf eine zusammenfassende Seite reduziert wird. Das kann nützlich sein, aber auch eine Katastrophe.
Vor 30 Jahren wurde der Einigungsvertrag unterschrieben. In diesem wurde die Auflösung der DDR, ihr Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland und die deutsche Einheit beschlossen. In der DDR Volkskammer stimmten 73 % und im Bundestag 89 % der Abgeordneten für die Unterzeichnung des Vertrages. [1]Wikipedia: Einigungsvertrag
Wir waren immer perfekt
Dieses Jubiläum führt und führte zu einem erhöhten aufkommen von Dokumentationen, Filmen, Interviews, Bildern und Texten in den Medien. Und wie schon in der Vergangenheit oft bemerkt, fällt auf: Geschichte hängt maßgeblich davon ab wer sie erzählt oder wer sie vielleicht auch nicht erzählt. Es ist richtig, dass in Dokumentationen vielleicht Zeitzeugen gehört werden, aber die Geschichte wird vom Schnittraum und der Regie erzählt. Auch bei Dokumentationen aus dem öffentlich-rechtlichen Bereich muss man genau recherchieren, wer da in die Kamera spricht und warum. Steht jemandem der beim Fall der Mauer zwei Jahre alt war, die Aussage zu, etwas in der DDR gelernt zu haben und Werte daraus mitbringt? Warum bekommen Personen die genau am 3. Oktober 1990 geboren sind eine Bühne in einer Dokumentation „Wir Ostdeutsche“? Und ist das Schicksal der Leiterin der Konsum-Drogerie am Marktplatz wirklich so tragisch? „Wir waren eine super Konsum-Drogerie mit guten Angestellten, wir waren immer perfekt, wir waren beliebt im ganzen Umfeld.“ [2]28.09.20, Min: 47:45 Helga Förster in Wir Ostdeutsche – 30 Jahre im vereinten Land Wo sind die Leute, die in der Konsum-Drogerie eingekauft haben? Wo sind die ganz durchschnittlichen Mitarbeitenden vom VEBABC und der LPGXYZ, die jeden Tag zur Arbeit gegangen sind und am Nachmittag an der Kaufhalle vorbei wieder nach Hause? Wo sind die, die keine besonderen Lebenswege hatten? Wo sind Leute wie die Kinder von Golzow? Oder Menschen die in Cottbus im Zuchthaus oder in Bauzten II inhaftiert waren? Wo sind die, die etwas mit dem Staat zu tun hatten oder mit einem der 8.000 von der Treuhand abgewickelten Betriebe? Die Leute mit den ostdeutschen Vorzeigelebensläufen in den Dokus, hatten alle – auch mit Privatinsolvenz – mehr oder weniger Glück. So wie ich.
Zwei aus dem sozialistischen Realismus geborgte Figuren1 stehen da, Hand in Hand und schauen durch eine durchbrochene Wand. Sie tragen ein Banner auf dem Naddl.und.Ronny.siegt! steht. Die Interpunktion, der Wortlaut und auch die Schriftart passen überhaupt nicht zu den sozialistischen Figuren. Die weibliche Figur trägt ein Luxusmarkentop und Sneaker einer populären Sportmarke, die in der Vergangenheit mit interessantem „Sponsoring“ aufgefallen ist. Die männliche Figur sieht hingegen komplett aus, als wäre sie der sozialistischen Arbeiterklasse entsprungen. Wenn man Naddl als den Archetypus des Mädchens aus dem Westen und Ronny als den Jungen aus dem Osten interpretieren würde, dann wäre das eine schöne Wendemetapher, denn ohne die kaputte Mauer wäre das nicht möglich. Die Sonderlichkeiten des Schriftzuges auf dem Banner erklärt das jedoch noch nicht.
Der Dreiklang: Freiheit, Liebe, Tod; ist im Prinzip Ödön von Horváths Glaube Liebe Hoffnung, nur eben in realistisch. In dem Theaterstück geht es ja um die Freiheit von Elisabeth, die Liebe zu Alfons und ihren letztendlichen Tod. 1932 wäre das titelmäßig und auch dramaturgisch vermutlich eher schwierig gewesen. Wer geht schon in ein Theaterstück bei dem schon im Titel steht: äh übrigens am Ende stirbt die Püppi, ne?
Ich bin auf dem Heimweg. Beim Vorbeilaufen an einem Haus sehe ich die Silhouette eines Mannes hinter dem Fenster. Er hält ein Smartphone in der Hand. Macht der ein Foto? Nimmt er ein Video auf? Nutzt er die Taschenlampenfunktion oder streamt er irgendetwas – live – ans andere Ende der Welt? Man weiß es nicht. Es ist unklar, ob er die Kamera in den Raum, auf die Straße oder auf sich selbst gerichtet hat. Ist er ein Spanner und nimmt Leute auf der Straße auf? Möglicherweise parkt hier jemand falsch oder ohne Anwohnerparkausweis und der Typ ruft gleich an.
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